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Weezer, die Beach Boys, der Satan und eine Art von Monster.

Rivers Cuomo und Weezer in einem Atemzug mit Brian Wilson und den Beach Boys zu nennen ist sicher nichts grundlegend Neues, aber es ist auch naheliegend: direkte Verweise wie in der B-Seite Jamie oder thematische wie in Surf Wax America (und ich bin sicher, daß Rivers genausowenig Surfer ist, wie der arme Brian, der das Meer stets panisch fürchtete) sind nur ein Bruchteil dieser Annahme. Brian Wilson war 1966 23 Jahre alt, verdammt großer Rockstar, der in Akkordarbeit (mind the pun) Hit an Hit schrieb und gleichzeitig verstört, verängstigt und mit der Zeit völlig wahnsinnig am perfekten Album, Sound, Song und mit, durch und gegen seine Dämonen arbeitete. Das Ergebnis war Pet Sounds, von dem heute gerne gesagt wird, daß es eines der oder sogar das wichtigste oder beste Album aller Zeiten ist. Aber als es erschien, verpuffte es etwas. Die Plattenfirma verstand es nicht wirklich, viele Fans konnten den Schritt von catchy Popnummern über Autos, Mädchen und Surfen hin zum neuen Pop nicht nachvollziehen - der noch immer catchy und simple Momente hatte, die nun aber in einem Bett von komplexen (und in Rock und Pop zu dieser Zeit absolut einzigartigen und ungekannten) Kompositionen und sensiblen Texten über Ein- und Zweisamkeit, Selbstsuche, Angst, Schmerz, Läuterung, Schwäche, Sehnsucht, die ganz große Liebe und die Befürchtung, einfach nicht für diese Zeit, für diese Welt geschaffen zu sein, lagen (dabei hatte sich spätestens mit In My Room milde angekündigt, was hier noch passieren würde). Die Platte verkaufte sich nicht großartig, ganz ok, aber die Plattenfirma und die eigene Band wollten Pop nicht revolutionieren, sie wollten welchen verkaufen; Brian fühlte sich gescheitert. Der Rest ist auch Geschichte: er wollte es dennoch und noch einmal allen zeigen, die Beatles toppen, mit Phil Spector gleichziehen (getrieben von der Vorstellung, niemals etwas so Geniales wie dieser machen zu können) und seine "teenage symphony to god schreiben": das bahnbrechende Album Smile, das aber nie erschien. Er wurde von einer Mischung aus Perfektionismus, Besessenheit von Musik, Problemen mit Menschen, Ängsten, Mißverstandenheit, das Ganze geschmiert mit den für einen Rockstar leicht zugänglichen geilsten Drogen Amerikas völlig wahnsinnig, zog sich mehr und mehr zurück bishin zur völligen Isolation in seinem Haus, wo er als bärtiger und verquollener 120-Kilo-Koloß mit traurigem Kindergesicht höchstens aus dem Bett kroch, um ein wenig am Flügel zu sitzen, der in einem riesigen Indoor-Sandkasten stand, in dem seine Katzen ihre Notdurft verrichteten. Die Beach Boys entwickelten sich zu einem immer tragischeren Fall (mit trotz gelegentlicher Glanzlichter immer uninteressanteren und erfolgloseren Platten). Der Bandfiesling Mike Love wandte sich der Transzendentalen Meditation zu, Schlagzeuger Dennis Wilson erst Charles Manson, der sogar einen Song zum Oeuvre der Beach Boys beisteuerte und dann vermehrt seiner selbstzerstörerischen Lebensführung, die konsequenterweise darin endete, daß er am 28. Dezember 1983 vom Schiff eines Freundes ins Meer sprang und nicht mehr auftauchte. Brian indessen schaffte es im zweiten Anlauf via Extremtherapie zurück in die Wirklichkeit, das Gehirn von den Drogen beschädigt, aber noch intakt genug, wieder zur Liebe und Besessenheit seines Lebens, der Musik, zurückzukehren; allerdings völlig übertherapiert und hochgradig verstört, mal wieder und noch immer. Sein erstes Soloalbum produzierte er zusammen mit dem Therapeutenguru Eugene Landy, dessen Verdienst es war, Brian aus dem Schneckenhaus aus Wahnsinn, Kokain und Fettleibigkeit zu holen, dessen Beitrag als Texter und Koproduzent jedoch mehrere Schritte zu weit ging. Einen ganz vergleichbaren Therapeuten haben sich Metallica gegönnt, um ihre Band zu retten und die Fertigstellung (oder überhaupt mal den Beginn) ihres Albums St. Anger bewältigen zu können. Der Prozeß ist herrlich in der von der Band produzierten (und erstaunlicherweise freigegebenen) Dokumentation Some Kind Of Monster zu sehen. Als abgefuckte Multimillionäre sitzen sie armselig und so freud- wie ideenlos beieinander, völlig durch und versuchen, ihre Geldmaschine irgendwie am Laufen zu halten, führen Gespräche und streiten wie in Talkshows; wachsen wieder zu einer spinnerten Einheit zusammen, fangen gemeinsam an, urige Texte zu schreiben (und sind z.B. ganz begeistert, als Kirk Hammett hundeäugig die Zeile my lifestyle determines my deathstyle in den Raum wirft) und ihr Therapeut Phil Towle, mittlerweile ohne jede Distanz zu seinen Patienten, steckt irgendwann jedem in der Band Zettelchen mit eigenen Textideen oder anderweitigen Hinweisen zu. Am Ende steht die wie neugeborene Band mit einem Album da, das sie selbst für unglaublich wichtig und befreiend hält.
Mit diesen beiden lose ineinandergewirkten Strängen kann man sich Weezer, ihrer Entwicklung und ihrer neuen Platte so gut annähern, daß es fast beängstigend ist.
Als es mit Weezer richtig losging, beim blauen Debutalbum, war Rivers Cuomo 23 und wurde schlagartig zur Gallionsfigur für irgendetwas, in Medien wurde inflationär mit dem Begriff nerd um sich geworfen und plötzlich war es gut, so ein verwirrter dünner Vogel zu sein, so eine Blaupause für den genialen Streber im Highschoolfilm, auf dem die Sportler rumhacken und den die Cheerleader keines Blickes würdigen. Verwirrt und von Erwartungen vielleicht etwas überfordert, aber leidenschaftlich und ambitioniert machte er sich mit seiner Band an den Nachfolger, Pinkerton. Das Album wurde nicht wirklich verstanden und nicht wirklich gekauft, Rivers fühlte sich gescheitert, verdammte das Album ob des Mißerfolgs und zog sich zurück. Erst viel später und vielleicht zu spät sollten die Spatzen von den Dächern pfeifen, daß gerade diese Platte sein großes Meisterwerk ist, ein Album voller Tiefe, großer Gefühle und atemberaubend schönen Songs und Sounds, perfekt vom ersten bis zum letzten Ton und in seiner gesamten Konzeption - kommerzielles Scheitern hin oder her (auch Pet Sounds ist bis heute kein wirklicher Topseller). Niemand wußte danach so recht, was Weezer eigentlich treiben, mal waren sie angeblich zurück im Studio, mal war es nur wieder ein Windei bis zackbumm im Sommer 2001 das grüne Album erschien. Es kam gut an, weil es einerseits ein wirklich schönes Album mit Höhepunkten ist und kaum etwas fehlt: es arbeitet mit den Methoden, die Weezer ausmachen, kein Bruch mit gar nichts; andererseits war man allerorts froh, die Band nun doch endlich zurückzuhaben. Rivers war einigermaßen versöhnt, und beflügelt von dieser Renaissance glaubte er, nun die Methode für den perfekten Song / den Erfolg gefunden zu haben. Das führte zu Maladroit, einem Album, das niemand wirklich mag und das innerhalb des Beach Boys-Vergleichs in die 70erjahre fiele, die Zeit in der Brian entrückt in seinem Haus sitzt und von den Jungs geholt wird, wenn wieder ein Album gemacht werden muß: Höhepunkte sind da, aber irgendwie ist es nicht das Wahre. Für Rivers bricht erneut eine Welt zusammen und er durchlebt eine Zeit, in der er nicht nur Brian Wilson, sondern dessen gesamtes Umfeld in Personalunion ist und Metallica obendrein: wo einst Mike Love Brian Wilson auf der Bühne wegen eines Nervenzusammenbruchs verdrosch, belegt Rivers seinen Gitarristen Brian Bell wegen Spielen mit verstimmter Gitarre mit 2000 Dollar Bußgeld. Wie Murry Wilson, der ehrgeizige und verbiesterte Vater der Brüder und Manager der Band, übernimmt er Weezers geschäftliche Belange, stellt sich aber letztlich tolpatschig an und übernimmt sich völlig. Er stößt Freunde vor den Kopf und feuert Bandmitglieder, entfremdet sich darüber irgendwann so sehr vom Musikbusiness, daß er sich erneut zurückzieht. Irgendwann findet er zur Meditation (hallo, Mike Love), trennt sich vom größten Teil seines weltlichen Besitzes und will ein besserer Mensch werden. Mit Weezer pendelt er von Studio zu Studio, nimmt etliches auf und verwirft das meiste (hallo, Metallica). Die Produktion des Albums wird immer länger, unüberschaubarer, teurer, die Fertigstellung fraglicher, bis es dann drei Jahre nach Maladroit doch noch erscheinen kann.
Und das alles steckt auf eine Art in Make Believe, dem fünften Album von Weezer. Manche Texte sind erschreckend dicht an Pet Sounds (Zeilen von beiden Alben direkt nebeneinander zu stellen würde zu viel Platz einnehmen, aber es funktioniert): Rivers Cuomo bittet um Vergebung, um Halt, singt von Liebe, Freundschaft, Angst und Besessenheit. Und manches davon über Melodiebögen und Arrangements, die so grandios sind, daß es eine Freude ist, was diese Band doch noch zu leisten vermag. Damit wäre allerdings das meiste Gute bereits gesagt. We Are All On Drugs klingt verdammt nach Christenrock, mag zwar eine ironische Brechung haben, könnte aber ebensogut ernstgemeint sein, wenn es dicht an dicht mit Texten steht, die klingen, als wären sie in Zusammenarbeit mit Eugene Landy, Phil Towle oder einem vergleichbaren Guru entstanden: we should give all our love to each other, not this hate that destroys us oder I may not be a perfect soul but I can learn self-control oder I'm going to try to improve my manners, everyone, yes everyone, is my friend. Manchmal ist es einfach nur schlicht, ganz simpel und wirkt leicht dümmlich, aber lieb, manchmal ist es fast schon peinlich und unangenehm. Die Produktion der Platte ist bratzig, modern. Obwohl unfaßbar viel (und viel mehr als bei den ersten beiden Alben) passiert und Schicht über Schicht liegt, ist sie nahezu bar jeden Geheimnisses, es gibt wenig (viel weniger als ebenda) zu entdecken und alles dient immer nur der Betonung des Offensichtlichen. Die leisen Stellen sind, wie man es von Radiopop kennt, noch immer relativ laut gemischt, alles wirkt ein wenig vom Reißbrett, schematisch und nach Formel gearbeitet. Die Wiederentdeckung von Toto / Europe-Sounds, Brian May-Gitarrensolo oder Talkbox könnte man als Abwechslung auslegen, wenn man mit zu viel Humor oder einem fraglichen Geschmack an die Sache heranginge, man könnte sie auch schlicht als störend empfinden, wenn der Maßstab die packende Schönheit, Effektivität und Genialität des blauen Albums oder von Pinkerton wären; als ein Schnickschnack, den Weezer nicht nötig haben.
Im Internet kursieren scheinbar Unmengen an Outtakes sowie Demos und Alternativversionen der Songs dieses Albums, die interessanter sind und besser klingen. Vielleicht ist es ja so, daß Weezer das perfekte Album geschrieben haben, so wie einst die Beach Boys mit Smile; und lediglich den Fehler begingen, ihres zu veröffentlichen. Übrig ist nichts, was einen Mythos, nicht mal ein kleines Geheimnis bergen könnte, sondern lediglich ein durchwachsenes Album einer überdurchschnittlichen, großartigen Band, das Momente voller Stolz, Glanz und Pracht hat, aber auch eine ganze Reihe von ärgerlichen, albernen und unnötigen. Es ist kein Lächeln, es ist eine Art von Monster.

Björn Sonnenberg, Mai 2005

Zum weiteren Studium:
Brian Wilson, Todd Gold, Wouldn't It Be Nice (Bloomsbury; dt. Mein Kalifornischer Alptraum, VGS, 1991)
Christoph Dreher, Die Beach Boys und der Satan (aus der ZDF-Reihe Pop Odyssee, 1997)
Joe Berlinger, Bruce Sinofsky, Metallica: Some Kind Of Monster (2004)
Weezer: Make Believe (Geffen/Universal, 2005)

 

 



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