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Victory At Sea

Musikmachen und eine Band betreiben (überhaupt Sachen in dem weiten Feld zu machen, das der Begriff Indie zu fassen versucht), ist meistens auch ein Reden über Lebensentwürfe; ganz besonders natürlich dann, wenn man es einerseits ernst meint mit den Projekten, die man verfolgt und es andererseits doch nicht hinhaut mit dem sogenannten 'davon leben können'. Dann hängt man zwischen zwei Lebensweisen, bei der einen geht es darum einen Ausdruck zu finden, mit anderen Leuten zusammenzukommen und seiner diffusen Mission zu folgen; bei der anderen geht es darum, an der Welt, von der man ja eigentlich weg möchte, teilzunehmen, damit sie einen nicht zermalmt (kurz: einen Job zu haben). Klassischerweise neigen die Bands, deren Erfolg nie wirklich über den Geheimtipstatus hinauswächst dazu, irgendwann an diesem Leben in der Zwischenwelt zu zerbrechen, an der Angst (oder dem tatsächlichen Problem), die Miete am Monatsende nicht zahlen zu können, an Kindern, die geboren werden oder Jobs, die nicht gleichzeitig genug Geld und Freizeit abwerfen.

Und dann gibt es ein paar, die das Kunststück vollbringen, alldem zu trotzen: dass sie dazu verdammt scheinen, Geheimtip zu bleiben, Konzerte vor manchmal 15 Leuten zu spielen, Trends und andere Bands kommen und gehen und an sich vorbeiziehen zu sehen und dennoch immer tapfer weitermachen und durchhalten, weil sie davon überzeugt sind, dass sie das richtige tun, es tun WOLLEN (in Großbuchstaben) und letztlich auch gar nicht anders können als durchzuhalten und weiterzumachen.
Beim Reden über Victory At Sea geht es nicht ausschließlich sondern unter anderem um Musik. Es ist relativ schnell gesagt, dass ihr neues (und seit 1996 fünftes) Album All Your Things Are Gone fantastisch ist, der Wahnsinn sogar. Um eine grobe Einordnung zu bekommen ohne Beschreibungen zu viel Raum zu geben: Mona Elliots Art zu schreiben und zu singen entstammen einer ähnlichen Schule wie Helium und Mary Timony (mit der die erste Schlagzeugerin von Victory At Sea mittlerweile spielt), Geraldine Fibbers und Carla Bozulich, Come und Thalia Zedek (auf deren letzten Album Pianist Mel mitwirkt) oder vielleicht noch Throwing Muses und Kristin Hersh. Ihr Ansatz, Folk und diverse Cores (Hard? Emo? Screamo? Posthard?) zu etwas zu verschmelzen, was durchaus Pop ist, ist ähnlich wie der von Bands wie The Good Life, Son Ambulance, Cursive oder den Bright Eyes, wobei Victory At Sea dann doch gerne ein paar Haken mehr schlagen (wie June Of 44 vielleicht) und über das Spiel mit Dynamik, Tempo und Rhythmen eine Intensität bekommen, die umso erstaunlicher ist, als der Bandsound im wesentlichen auf Schlagzeug, Klavier, Gitarre und Gesang fußt.
Das alles ist packend und das schon fast physisch: die Instrumente springen beinahe aus den Lautsprechern heraus und fallen über einen her, der Gesang ist so zwingend wie wenig sonst, egal ob in den Momenten herzerwärmender Sanftheit oder den Zeilen, die heiser geschrieen werden als hinge Monas Leben von ihnen ab. Die Texte auf Themen und Motive herunterzuschälen würde sie unnötig reduzieren. Sie sind exakt genau so pfeilgerade und intensiv, genau so frei von Umschweifen und dabei völlig roh und unprätentiös wie die Musik, dass es ohnehin keinen Sinn macht, beides voneinander abzulösen.

"When I read I prefer stuff that is straightforward, I guess I do the same thing when writing. I don't know a lot of empty words anyway so I can't use them, you know. You can use simple words to express things that aren't so simple."


Die Band besteht aus Mona und ihrem Ehemann Mel Lederman, beide sind 34, und dem mittlerweile vierten Schlagzeuger Dave Norton, der gerade 31 geworden ist. Alle leben in der Nähe von Boston, Mel und Dave arbeiten dort in einem Liveklub, der eine als Lichtmann, der andere als Türsteher, Monas Job ist (und das ist kein Scherz, um dieses Indieband-und-Job-Ding irgendwie noch abgedrehter zu machen) die Herstellung von Speiseeis.
Alle drei hatten und haben weitere Musikprojekte neben Victory At Sea, am weitesten zurück reicht Monas Geschichte, die ab Anfang der 90er mit der Band Spore einige Platten auf dem Lemonheads- und Spacemen 3-Label Taang! veröffentlichte und deren Song 'Fun' Teil des Natural Born Killers-Soundtrack ist, zudem gibt es eine Splitsingle von Spore und Mission Of Burma, deren Teilzeitmitglied und Shellac-Bassist Bob Weston dann wiederum das Debut von Victory At Sea aufnahm.
Doch trotz solcher Wurzeln und Verflechtungen war Victory At Sea von Anfang an in keiner abgesteckten Szene fest verankert und immer eher eine Band, die von außen zusieht, wie Szenen und Trends entstehen und vergehen. Es ist schlichtweg nie passiert, dass ein großes Label an die Türe klopfte und Victory At Sea wiederum sind nicht angetreten, um um jeden Preis Erfolg zu haben.

"I don't want to write music just for the sake of being a musician or just to be part of a fad. I don't think it's wrong or a bad thing to do and I can tell some of the bands are real and are in it for the same reasons as we are. We definitely would love to be succesful and earn money. But we wouldn't purposefully compromise just to be succesful. We try by keeping playing, keeping the band going. We keep on doing the same old thing (not in a bad way of course)."

Das Ausbleiben von breiter Anerkennung und größerem Erfolg ist bis heute kein Grund für Verbitterung oder Zweifel, ob es Sinn macht, diese Sache weiter zu verfolgen. Victory At Sea begreifen es als Privileg, Platten machen zu können, zu touren und dabei unendlich viele Leute zu treffen und stören sich nicht ernsthaft daran, kleine Schritte zu gehen. Wenn nun weder Ruhm noch der mit ihr bestrittene Lebensunterhalt die Gründe sind, eine Band am Laufen zu halten, muss es ja zwangsläufig um die Sache gehen, um Musik und Leidenschaft. Zwischen Sender und Adressat steht rein gar nichts, beiden geht es exakt um dasselbe. Im Gegensatz z.B. zu Bright Eyes, die sich ungefähr ab dem Moment verloren haben und von ihrem lange so konsequent verfolgten Weg abkamen, als Conor Oberst anfing zu glauben, was über ihn gesagt und geschrieben wurde und mehr oder weniger bewußt anfing, dieses Bild zu füttern und die Indiediskos mit Lookalikes zu füllen. Ich werde an dieser Stelle nicht den Ärger thematisieren, den Experten und sogenannte 'Fans der ersten Stunde' gerne empfinden, wenn die Band, die sie vor anderen entdeckt haben, plötzlich erfolgreich wird und sie plötzlich mit Leuten eine Gemeinsamkeit (nämlich ihr Fandom) haben, mit denen sie im Leben nichts zu tun haben wollen. Aber vielleicht ist ja mit Einschränkungen etwas dran, dass etwas, was nie in war auch nie out sein kann und somit immer dieselbe Relevanz behält.

Eingangs wurde bereits gesagt, dass es hier um Lebensentwürfe geht, um mehr als eine Band und die Musik, die sie macht. Es geht großspurig gesagt um die Entscheidung, mehr vom Leben zu verlangen als nach der Arbeit noch trinken zu gehen. Und darum, wie wichtig Bands wie Victory At Sea sind, weil sie für etwas ganz bestimmtes stehen und außer wundervollen, einzigartigen Platten den Beweis abliefern, dass es möglich ist, in der Zwischenwelt durchzuhalten und weiterzumachen und eben nicht, Kunst und Dinge, an die man glaubt, einem bürgerlichen Leben zu opfern.
Es gäbe noch sehr viel mehr zu erzählen: dass Mona als Zeitvertreib auf Tour ganz bizarre und zauberhafte Stofftiere näht, die sie bei Konzerten und im Internet verkauft, inwiefern das wiederum die Musik beeinflußt, wie die Ehe von ihr und Mel im Bandkontext aufgeht und funktioniert, wie unwichtig Frustration und Scheitern werden gemessen an alledem, was gut und schön und wichtig daran ist, diese Band zu haben und mit ihr Platten und Konzerte zu machen; und wie am Ende des Tages nach etlichen Jahren und Veröffentlichungen, von denen keine die verdiente Aufmerksamkeit bekommen hat, die Dinge, die über allem stehen, immer Hoffnung und Hingabe bleiben. Und die sonderbare Feststellung, dass die Musiker von Victory At Sea scheinbar auf nahezu jedem Foto Mützen tragen.

Björn Sonnenberg, Mai 2006
 

 



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