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Loving The Hold Steady


2003. Eine wirklich hässliche CD, sieht ungefähr so aus wie die Fotos innen im Booklet einer mittelprächtigen Punk-Platte. Fast zwei Minuten am Anfang nur eine zögernde Gitarre und eine nervig predigende Stimme, die jedes der letzten sieben Jahrzehnte auf einen Satz reduziert. Und spätestens bei: „The 80s almost killed me, let’s not recall them quite so fondly“ kann man gut gefesselt sein. Oder dann, nach 109 Sekunden, wenn die großen, großen Gitarrenakkorde einsetzen, die so schamlos nach großem Stadionrock klingen, wie kaum etwas, was sonst auf Indielabels erscheint. Von dem Gitarrensolo danach ganz zu schweigen. Und dann, zusammenfassend: „I got bored when I didn’t have a band. So I started a band. Man!“
Zusammen mit dem darauf folgenden Superhit „The Swish“ eine der besten Eröffnungen für Alben überhaupt. Die Mischung aus dem Gesang, der so astrein American-Hardcore geschult war, den reimwütigen, wortgewaltigen, Texten die man als Mountain Goats Fan unmöglich nicht mögen kann und der Band, die klang, als habe sie sich monatelang mit Appetite For Destruction in den Proberaum eingeschlossen schien mir wie die beste Idee überhaupt. Hat sich aber kaum einer für interessiert, hier. Wenn dann noch im direkten Freundeskreis gesagt wurde, nerviger Gesang sei zwar an sich prima, das hier ginge aber doch zu weit, schien mir die Hoffnung, die Stücke bald allüberall auf killer Parties zu hören ziemlich verloren. Und habe mich also im stillen Kämmerlein weiter über Zeilen wie „Everyone’s a critic and most people are Djs“ gefreut, und über diese kluge, kluge Band mit den schlichten großen Posen und den Stücken, in denen es um wenig anderes geht als um Feierei. Und das mit verzweifelter Ernsthaftigkeit, die Charaktere stolpern halb im Delirium durch alle Songs hindurch an der Grenze zum Abgrund herum, bis es ganz am Ende heißt: „Killer parties almost killed me.“ Das „almost“ scheint mir bis heute ganz wichtig, das sind keine kaputte Typen, die es feiern, kaputte Typen zu sein, es geht hier so gar nicht um Johnny Thunders. Eher vielleicht um so was wie die jungen Fans sich Motley Crue früher vorstellten, Leute die selbst im fürchterlichsten Exzess nicht vergessen, im richtigen Moment die Fäuste in die Luft zu recken. Leute, die trotz aller gegenteiligen Beweise leben, als seien sie im Grunde unsterblich.
Und damit ist „Almost Killed Me“ eine ähnlich tolle Gelegenheit zur Realitätsflucht wie bei der Sorte gutem Konzert, wo man sich in einen Wall aus Lärm und empfundenem gegenseitigen Verständnis fallen lassen kann um sich am Ende erschöpft aber gereinigt zu fühlen.

2007. Nach einem nicht so tollen zweiten Album erscheint „Boys And Girls In America“ und schon das Intro erklärt worum es geht: Jetzt endgültig klassischer Stadionrock, diese Band klingt mittlerweile wie die E-Street Band des trinkenden Menschen. Und all das klingt noch mitreißender als auf „Almost Killed Me“. Und wieder sind da Zeilen, für die man sich am liebsten eine Jeansjacke kaufen würde um sie draufzuschreiben: „She was a damned good dancer but she wasn’t all that much of a girlfriend.“ Und die Stimme dazu ein ganzes Eckchen weniger nörgelig. Björn und ich hören das einmal in Bridgeport , CT, in unserem geliehenen Jeep durch den Sonnenschein fahrend und für vier Minuten gibt es wenig, was passender wäre.
Das Cover des Albums ist noch schlimmer als das zu „Almost Killed Me“, auf einem Stück singt Dave Pirner von Soul Asylum mit, die Classic Rock Gesten sind durchweg cleverer als früher und die Texte gelangen mit weniger Worten zu den Stellen, die hängen bleiben. Und was passiert? Jetzt schreibt auch in Deutschland wer drüber. Es hilft bestimmt, dass die Vergleiche mit Thin Lizzy, AC/DC und dem Boss offen auf der Hand liegen und die Tatsache, dass mit Vagrant ein Label gefunden wurde, dass vor allem für einigermaßen einfach zu verstehende Punkrockvarianten bekannt ist setzt die Hemmschwelle sicher noch weiter herab. Die nötigen Stichworte sind da jedem Element eintätowiert und schon funktioniert das. Die Stadtzeitungen berichten, bei der Musikexpress CD wird geschrieben, was für ein gutes Debut das doch sei. Und während ich das alles lese weiß ich nicht, ob ich mich freuen oder vor Ärger schütteln soll.
„Boys And Girls In America“ ist eine so dreiste wie schöne Platte, keine Frage. Und ich gönne The Hold Steady jede Art von Erfolg, sehne ihn sogar händeringend herbei, damit sie möglichst bald hierher auf Tour kommen. Aber doch ist es so, dass Craig Finn noch immer über die selben Themen schreibt wie auf „Almost Killed Me“ und es stellenweise klingt, als würden ihm die Ideen (oder wenigstens die immer neuen Worte und Sätze für die eine Idee) ausgehen. Und während die Orgeln und Klaviere und irrwitzigen Gitarrensoli so viel eleganter sind als das astreine Rocken von früher klingt das eben nicht mehr wie eine Gruppe von Menschen, die gerade per Zufall das Feuer entdeckt hat. Sich vor Ärger zu schütteln wäre natürlich trotzdem Unfug. Ich will ja weiß Gott nicht zu den Leuten gehören, die es Bands verbieten, sich weiterzuentwickeln und es Fans untersagen, Gruppen erst nach dem ersten Album zu entdecken. Als ich vor vielen Jahren „Use Your Illusion“ für mich entdeckte hat mich ja auch nichts mehr genervt, als die Leute, die fanden, dass sich Guns n’ Roses besser nach „Appetite For Destruction“ (oder wenigstens „Lies“) aufgelöst hätten. So ein Schmarrn, Lieder wie „Don’t Cry“ sind schließlich einigermaßen unverzichtbar. Aber für den Hinweis, dass man sich das Frühwerk der Roses schon mal zulegen sollte, war ich im dann doch dankbar. Und deswegen ist mir dieser Aufruf hier eben ein persönliches Anliegen:
Bitte, liebt diese Band. Kauft „Boys And Girls In America“, kauft euch Autos mit lauten Anlagen und offenen Fenstern, fahrt den ganzen Sommer damit herum, damit diese Musik überall gehört wird und verzückte junge Menschen auf Festivals singen: „Gonna walk around and drink some more“. Aber tut mir und euch selbst den Gefallen, auch „Almost Killed Me“ zu kaufen. Und dann zu hören. Meiner Meinung nach ist das wie der Unterschied zwischen weißen Aufbackbrötchen und einem richtig guten Brot.
Jan Niklas Jansen, Köln, 01.04.2007
 

 



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