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Hot Chip

Über den Daumen gepeilt ist die große Leistung elektronischer Musik die Auflösung klassischer Bandstrukturen und Produktionsweisen: meistens hat man keine Vorstellung, kein Bild davon, wer sich hinter der Musik verbirgt, wie viele Menschen, wie sie aussehen. Das Element des Starkults ist einfach nicht in der Anlage elektronischer Musik zu finden und wir erhalten somit eine Musik, die ausschließlich Musik ist (und höchstens noch über Artwork kommuniziert. Bei White Labels fällt selbst das weg).
Ich schicke das vorweg, weil ich im Falle von Hot Chip wirklich überrascht war, als ich entdeckte, dass es eine 'richtige' Band von fünf Leuten ist und wie sie aussieht. Ich konnte beides nicht zusammenbringen und kann es bis jetzt nicht, während mir bei Bands wie den Beatles oder Franz Ferdinand völlig einleuchtet, dass diese Typen diese Musik machen und ich die Musik nicht höre ohne zwangsläufig an die Typen zu denken. Beispiele, wo elektronische Musik untrennbar an ein solches Bild gekoppelt ist, sind Kraftwerk und Devo. Und dieses Bild ist nicht das von z.B. schönen jungen Männern mit engen Jeans und großen müden Augen, sondern das von Kunstfiguren, die auf eine ähnliche Weise konstruiert sind wie die Musik, der sie entspringen: künstliche Nachbildungen der bekannten Wirklichkeit, ergänzt und verändert durch technische Neuerungen.
In der Produktion bricht elektronische Musik mit dem Mythos, dass eine Plattenproduktion so auszusehen hat wie etwa im Metallica-Film Some Kind Of Monster: mit einem 'Produzenten' im Studio herumsitzen, Unmengen von Zeit und Geld verbrauchen und bandinterne Krisen ausstehen - denn schließlich geht es nicht ohne den Leadgitarristen. Studios, Produzenten oder sogar Mitmusiker werden im kreativen Umgang mit Technik unnötig; das Wesentliche an Musik, nämlich Idee und Vision, gehen nicht in den verfilzten Zusammenhängen von Bandgefüge und Plattenproduktion verloren oder werden hinter diese gestellt.
Ich spreche hier wohlgemerkt vom Idealfall, da jedem klar ist, dass elektronische Musik per se kein Heilsversprechen ist und genauso durchsetzt von den genannten Zusammenhängen sein kann, wie Rock- und Popmusik unbeeinträchtigt davon bleiben kann.
Zurück zu Hot Chip: ihr neues zweites Album heißt The Warning. So wie Fotos der Band Rückschlüsse auf ihre Musik verweigern ist auch das (wohlgemerkt sehr hübsche) Artwork davon losgelöst. Das einzige an Hot Chip, das bereit ist Aussagen über Musik zu machen ist, nunja, die Musik.
Weder die Bausteine, aus denen sie zusammengesetzt ist sind allzu außergewöhnlich oder gar ungewohnt, noch wirft ihre Zusammensetzung alles über den Haufen, was wir glaubten, über Musik zu wissen. Elemente aus 2Step und Pop, Country und Breakbeat, Funk und Soul und minimaler Elektronik, analoge Synthies und Drumcomputer und die unterschiedlichen Stimmen von Alexis Taylor und Joe Goddard. Eine große Besonderheit des Albums ist seine Einfachheit und Bescheidenheit und die weiten Räume, die es offenläßt. Es schreibt an keiner Stelle vor, ob es lieber als Popalbum, Klangkunst, Indierock oder Tanz- und Clubmusik gehört werden will. Grundstimmung und Hauptelement sind einerseits schon Reduktion und Ruhe, die es auf ähnliche Weise erkundet und einarbeitet wie viele Veröffentlichungen auf Morr Music. Andererseits würde es einer stumpfen Probe, bei der man den (bei elektronischer Musik leider oft als hauptsächlich herangezogenen) Maßstab der 'Tanzbarkeit' anlegt, dennoch bestehen. The Warning treibt unablässig, ohne zu 'pumpen' und verliert nicht Energie und Tempo in längeren Breaks oder durch Bass Drum und Beats, die alles andere als – wie sagt man? fett? – sind. Es ist kein Album, das staunende offene Münder hervorrufen wird und eine Armee von Nachahmern. Aber als Bastard aus klassischer Band und deren Auflösung in elektronische Musik funktioniert es ganz hervorragend und wirft nebenbei wirklich schöne Songs ab.

Björn Sonnenberg, Juni 2006

Nach bemerkung: Dieser Artikel wurde ursprünglich in dem österreichischen Magazin INDIE veröffentlicht, aber, wie ich irgendwann feststellen musste, total verhunzt, weil darin rumgeschmiert wurde und Sätze und Fakten verdreht, verändert und verfälscht wurden, was mich über Maßen aufegeregt hat, weil ich mir extra so viel Mühe gegeben hatte, den Rahmen nicht zu sprengen und mich an Zeichenvorgaben zu halten. Jedenfalls habe ich mich sehr für die mit meinem Namen unterzeichneten Artikel geschämt, die mir plötzlich so fremd geworden waren und stelle sie hier in der Form ein, in der ich sie bei der Redaktion eingereicht habe.
Weitere Anmerkung: diesen Artikel habe ich geschrieben, weil ich mich Svana v. Treyer erkenntlich zeigen wollte, die Stefanie und mir Gästelistenplätze für ein wunderschönes Divine Comedy-Konzert geschenkt hat (um uns zu beeinflussen, mit Karpatenhund bei Virgin zu unterschreiben), worauf ich fragte, ob sie aktuell ein 'Elektro-Thema' habe, da die Chefredaktuerin von INDIE mich um einen Artikel über ein solches gebeten hatte. So kam das zustande. Es hat mir viel Spaß gemacht, diesen Artikel zu schreiben, weil ich darin die Musik etwas anders aufrolle als sonst.

 

 



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