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Gallon Drunk
In The Long Still Night


Abends im Elternhaus saßen bei mir oft alle zusammen und hörten Radio. Oft war das dann BBC Radio One auf Mittelwelle, zuerst die Evening Session mit Steve Lamacq und Jo Whiley, danach, an drei Tagen in der Woche, John Peel. Im Nachhinein frage ich mich oft, ob es für die anderen eine große Qual war, letztlich mir zuliebe den ganzen Krach zu hören der da lief. Das war so die Zeit, in der John Peel alle möglichen Breakbeat und Drum & Bass Abarten spielte. Aber irgendwo zwischen dem ganzen Kram, den ich im Grunde auch nur theoretisch gut fand, lief an einem Abend das Stück "In The Long Still Night" von Gallon Drunk. Und ich weiß genau, dass ab dem Moment, wo nach den ersten Snare-Schlägen das Klavier einsetzt, nichts anderes mehr nebenbei tat und nur zuhörte. Das war einer dieser Momente, wo man etwas hört, was von einer vorher ungekannten Schönheit ist. Einzelne Momente brannten sich sofort in die Erinnerung ein. Wie James Johnston in der zweiten Strophe anfängt, die "T"-Laute am Ende von Worten überzubetonen. Wie die Snare sich immer weiter steigert. Die Zeilen "Are you ready to pay and are you ready to die." Das Einsetzen der Tremologitarre. Und das der Orgel.
Bei diesem ersten Hören kam dazu die Spannung, ob danach angesagt würde, welche Band das ist. In der Hinsicht war auf John Peel aber glücklicherweise immer Verlass und am nächsten Tag stand ich in Aachen beim Plattenladen Tam Tam um das Album zu kaufen. Seitdem hat es selten Staub angesetzt und das obwohl es alles andere als perfekt ist. Zu sehr leidet es daran, wie gut die guten Stücke sind und wie sehr sie den Rest in den Schatten stellen. Klar, man kann schlechtere Schlüsse aus dem Funhouse-Album der Stooges ziehen als "Two Clear Eyes" oder "Up On Fire" und bis heute habe ich wenige Rock-Alben gehört, die so sehr nach Soul und Sex klingen ohne irgendwie albern dabei zu wirken. Aber beim vierten Stück, ‚Eternal Tide’ wird klar, dass James Johnston dann der tollste Sänger ist, wenn die Band nicht so sehr rumdrängelt, sondern sich zurück nimmt. Da, wo er Raum hat, das affektierte Einatmen zu reinsten Kunstform zu erheben wird es interessant. Viel mehr ist nach der ersten Seite aber noch gar nicht klar. (Damals habe ich sie trotzdem reichlich gehört. Weil ich Jon Spencer für das größte Genie der Geschichte hielt. Zusammen vielleicht mit Nick Cave und da schien das hier wie die logische Schnittmenge von all dem)
Die Gründe, die In "The Long Still Night" zu einem absolut unverzichtbares Album machen, liegen trotzdem eher auf der zweiten Seite. "Take This Poison" klingt noch immer so, wie ich mir SoHo mit siebzehn vorgestellt habe: Irgendwie gefährlich aber extrem aufreizend. Und doch ist auch das nur die Aufwärmphase für die echten Geniestreiche, das wird wenig später mit "Geraldine" klar und deutlich. Schon das Intro (mit Slide-Gitarre, Maracas und Klavier, das muss man erstmal so hinkriegen) ist Grund genug auf die Knie zu gehen und vor Erwartungsfreude zu zittern. Und dann die fiebrigen, durstigen ersten Zeilen die doch nur auf das zentrale Thema des Stückes hinleiten: In wie vielen gierenden Variationen kann man die Worte ‚Come on’ und ‚Geraldine’ singen? Die Antwort fällt ziemlich leicht: In nicht ausreichend vielen, denn im Grunde müsste dieses Lied gefälligst ewig weiter gehen, dürfte die Spannung nie aufgelöst werden. Bis heute frage ich mich manchmal, ob es irgendwo im Archiv längere Varianten von dem Stück gibt. Könnte man ja irgendeins der Rock-Stücke für runter nehmen vom Album.
Und dann, das übernächste Stück: "To Love Somebody" und hier vor allem das Zusammenspiel zwischen den sturen Maracas und dem swingenden Schlagzeug und das Aussetzen von beiden im Refrain. Und auch hier zählt jeder Atmer so viel wie jedes Wort, klingt James Johnston wie von erster gekränkter Liebe besessen und getrieben (und doch so, dass man ihn sofort mit ins Bett nehmen würde, falls sich Gelegenheit böte).
Ein Album mit "Eternal Tide", "Geraldine" und "To Love Somebody" wäre schon unbedingt empfehlenswert, aber an dieser Stelle sind wir wieder beim Titelstück angekommen und das macht, man kann es nicht genug betonen, dass bemitleidenswert ist, wer diese Platte nicht besitzt. Das ist eines der ganz wenigen Stücke, die einfangen, wie es sich anfühlt, auf der Grenze zwischen Liebe und Besessenheit zu balancieren. Es gibt wenig ergreifendere Musik, wenige Songs, die man so zwanghaft lauter macht. Ähnlich wie "Spiritual" von Spain oder "Sway" von Phaser ist es eins dieser Stücke, wo man sich die Musiker danach eigentlich getrost in den Ruhestand begeben könnte, in dem Wissen die reinste Essenz dessen, was das eigene Schaffen antreibt in einige wenige Minuten gefasst zu haben; in dem Wissen, etwas geschrieben zu haben, für das Menschen alles stehen und liegen lassen, was sie gerade tun: Um zuzuhören wie es einer Band gelingt für einen Moment in einen Zustand schwereloser Perfektion zu gelangen. Auch knapp elf Jahre, nachdem ich es zum ersten Mal gehört habe, kann ich das Stück nicht hören, ohne zutiefst ergriffen zu sein.
Und jetzt, Jahre später, erscheint mir ‚In The Long Still Night’ wie ein großes, die Realität vergessen machendes Album über das Leben und Lieben – manchmal nimmt es Umwege, erreicht nicht wirklich sein Potential, erreicht hier und da Momente wirklicher Größe um letztendlich bei feinster Reinheit anzugelangen.

Jan Niklas Jansen, Köln, 31.03.2007

"In The Long Still Night" ist 1996 auf City Slang erschienen.

 

 



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