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Fanfanfanatisch: Ich will keinen Spaß.

Wie sich das spezifische Lebensgefühl deutscher Kleinstadt, das dem-Wahnsinn-Anheimfallen fortgeschrittener Besessenheit, Kannibalismus, keuscher Sex und der Sound der NDW im Film 'Der Fan' treffen.

   


Durch einen schönen Zufall habe ich quasi auf dem Wühltisch eine tolle Entdeckunggemacht: Anfang der Woche wollte ich 'Foxy Brown' auf DVD kaufen. Von der Infotheke wurde ich in die 'Ab 18'-Abteilung geschickt, dort sollte noch eine DVD unter 'F' stehen. In der Tat gab es Foxy Brown und direkt davor stand für nur 4,99 eine verheißungsvoll schrottig aufgemachte DVD, die den deutschen "Skandalfilm" 'Der Fan' enthält.

 

übrigens ebenfalls einer der originellsten, lustigsten, ideenreichsten and fetzigsten Filme ÜBERHAUPT. Man stelle sich vor, daß ALLE guten Ideen aus ALLEN James-Bond-Filmen ALLER Zeiten zusammengenommen werden, multipliziere es mal zehn und streiche die ganzen einschläfernden Verfolgungsjagden und ins Nichts führenden Dialoge. Und denke sich Pam Grier dazu UND die aufgeheizte Atmosphäre von fürs Kino aufbereiteter 70s-Ghettowelt, Straßenkämpfen und Black Militia.

 
Der Film ist von 1982, die damals ca. 17jährige Desirée Nosbusch spielt die Hauptrolle (Abschnitte des Films sogar splitterfasernackt, was ihr gut steht, sie ist ein sehr schöner Mensch), eine zweite Hauptrolle, den Popstar 'R', spielt Bodo Staiger von Rheingold. Bodo Staiger hat diesen Look, ganz ähnlich wie der junge Marian Gold von Alphaville: bleich, dürr, schöne traurige Augen, steif, irgendwie knabenhaft-militärisch, soft und martialisch (evtl. eine Kleidungsfrage?), gefühlvoll und roboterhaft. Der Plot ist im Grunde genommen normal: Mädchen steigert sich in fanatische Liebe zum Idol, es gibt eine Liebesnacht und sie eskaliert (Achtung: wer beabsichtigt, den Film anzusehen und überrascht zu werden JETZT zur x-Markierung weiter unten springen, ich verrate den Ausgang des Filmes) als R sich auf den Weg macht (obwohl er alles andere tut als sie 'abzuservieren', im Gegenteil, er ist sanft und lieb mit Simone, spricht von einem unbestimmten Zeitpunkt seiner Rückkehr, was sie als Willen zum Fortsetzen der Beziehung verstehen könnte – aber daß er überhaupt geht, zumal nach der soeben erlebten Vereinigung, ist für sie schon nicht mehr zu ertragen). Simone erschlägt ihn mit einer Statuette, zersägt seine Leiche, friert die Teile ein, verspeist sie nach und nach bei Kerzenschein und zermahlt die übriggebliebenen Knochen zu feinem Mehl, das sie wie rituell verstreut, als sie nach Wochen aus der kannibalistischen Isolation der leerstehenden Wohnung zu ihren Eltern zurückkehrt, kahlgeschoren und damit äußerlich so entstellt wie innerlich.
 
  eine NDW-Band, deren Sound eine etwas songorientiertere Version von Kraftwerk, Cluster, Neu oder La Düsseldorf ist. Dem Soundtrack nach ist die Band klasse - kannte bislang nur 'Dreiklangdimensionen' - und habe gestern zwei CDs gekauft, aber noch nicht gehört, werde es evtl. bald an dieser Stelle verifizieren.
 
Ihre Obsession mit R setzt sie nahtlos fort und weigert sich, seinen Tod zu zu begreifen: sie hat seinen Körper nicht nur im Wortsinne durch Aufessen komplett in ihren überführt, sie ist obendrein schwanger und schreibt entrückt und verliebt in ihr Tagebuch, daß sie R zur Welt bringen wird, um ihn dann weiterlieben zu können. Eine Verneigung vor 'Psycho' und Steigerung von Norman Bates, der mit der Mumie seiner von ihm ermodeten Mutter lebt und seine Psyche so aufspaltet, daß er seiner Mutter quasi das Weiterleben ermöglicht. Simone hat diesen Vorgang veräußerlicht und von der Psyche aufs Körperliche ausgelagert: das geliebte Mordopfer verschlungen und wiedergeboren. Der große Unterschied der beiden vergleichbaren Morde an obsessiv geliebten Menschen und die Weigerung, die Endgültigkeit ihres Todes zu realisieren, ist offensichtlich: wo Norman Bates im Geiste zu zwei Menschen wird und sich entsprechend benimmt, in verteilten Rollen mit sich selber spricht, erschafft Simone eine zweite Person, die nicht metaphysisch, sondern ausschließlich physisch ist. Daß Eckhart Schmidt hier eine völlig neue Perspektive eröffnet und eine Variation und Weiterführung von Norman Bates erschafft, deren Schlüssel Weiblichkeit ist, ist, glaube ich, ziemlich untergegangen. Nicht, daß die Welt eine feministische Auslegung oder eine Einbindung von 'Der Fan' in einen Gender-Diskurs gebraucht hätte, aber etwas Vergleichbares habe ich bislang in keinem Film gesehen, so viel Ehre gebührt Eckhart Schmidt zumindest. Die Realisierung einer Liebesbeziehung, die so in der Wirklichkeit nicht funktionieren kann, durch Mord und anschließenden Wahnsinn / Persönlichkeitsdeformation zu erlangen ist ein Motiv, das man (zumindest kulturgeschichtlich) kennt (männlich wie weiblich betrieben), dasselbe gilt für Beziehungen, die es in Wirklichkeit nicht geben kann und die bei einem zu gebärenden Kind als Partner- und Beziehungssurrogat gesucht werden – die Zusammenführung von beidem und Verstärkung durch den Kannibalismus-Aspekt: revolutionär.

 

 

 
 
 
 
 
 
 
 
  maximal in einer Folge Buffy, wo eine Lehrerin sich als riesige Gottesanbeterin (praying mantis) herausstellt, die sich paart und ihren Partner dann tötet, aber das ist eine Übertreibung ins Reich der Dämonen und Kreaturen und damit nochmal etwas anderes.
 
(x) Aber zurück zum Geschehen: 'Der Fan' springt hin und her einerseits zwischen einer Laientheaterhaftigkeit - einfach, da sich in den fast 30 vergangenen Jahren Sehgewohnheiten verändert haben und heute natürlich anders geschrieben, geredet, Regie geführt, ausgestattet, besetzt wird, was dann natürlich eine nostalgische Niedlichkeit hat, ein 'haha, so war das damals? Süß!'. Andererseits aber wühlt der Film in Dingen, die sehr echt (und zeitlos) sind: Simone (Desirée) wohnt mit den Eltern in Ulm. Ausgerechnet! Aber natürlich: in der Großstadt gibt es Aus- und Fluchtwege – in Ulm nicht. Die Tristesse des Lebens von Teenagern in Städten, die keine Metropolen sind, ist eine völlig andere als die von jungen Leuten aus New York, Berlin oder selbst München, das hier als die nächste Metropole auftritt, als das Tor zur Welt der TV-Shows, Popstars, als Kosmos, in dem es Wohnungen gibt, die für Monate leerstehen und wo ein dort begangenes Verbrechen von den Nachbarn in der selbstverständlichen Anonymität der Großstadt natürlich nicht bemerkt wirkt. Was für ein Kontrast zum überschaubaren Ulm, dessen Überschaubarkeit durch eine Vogelperspektive vom Turm des Ulmer Münsters versinnbildlicht wird, auf dem Simone steht und bei sich via innerem Monolog fürs Publikum hörbar denkt: von diesem Turm werde ich mich irgendwann stürzen. Eingeengt in der kleinen, mit dem Auge in vollem Ausmaß erfaßbaren Miniwelt aus Schule, Elternhaus, Kinderzimmer. Der graue immergleiche Alltag: genau so habe ich mein Aufwachsen in Mühlacker in Erinnerung: Pastelltöne, Beton, Trostlosigkeit, häßliche Nachkriegsarchitektur voller Scham und in ihr Menschen, die sich gegenseitig nichts zu sagen haben. Aber analog zumVerbrechen, das in der Großstadt niemand bemerkt, steht daß Simone wochenlang verschwunden bleibt und der Vater beim Wiedersehen zur Begrüßung sagt: 'wir sind nicht zur Polizei gegangen, um einen Skandal zu vermeiden'. Simone zur Begrüßung: 'Morgen gehe ich wieder zur Schule'. Anonymität in der Großstadt vs. Unterdrückung von Innerlichkeit und Verdrängung in der Kleinstadt, wo das Leben scheinbar nur die Alternativen Funktionieren oder Flucht (Ortswechsel, Selbstmord, Mord, Schwangerschaft etc) für feinfühlige junge Menschen bereithält.
   
Desirée Nosbusch spielt hölzern, aber unglaublich gut. In manchen Closeups wechselt ihr Gesichtsausruck rätselhaft: ist es ein Lächeln, ist sie traurig, entsetzt, enttäuscht oder etwas ganz anderes? Überhaupt nicht im Einklang mit ihrer Umwelt und genausowenig mit ihrer inneren, ihrer Gefühlswelt. Es ist völlig unklar, was sich auf ihrem Gesicht und dahinter abspielt und das ist das einzige, was klar ist: daß eben nichts klar ist in ihrem Leben, es wird nicht erklärt, nicht gesagt, man kann es sehen. Überhaupt wird kaum gesprochen, sondern fast alles über Bilder erzählt, unter denen als roter Faden die wiederkehrenden paar Songs von R liegen, die Simone durch ihr Leben begleiten (als hörbarer Score, in Devotionalien wie Postern oder Rs Portrait, das sie als T-Shirt trägt oder an dem Walkman sichtbar, den sie erst dann ablegt, als sie sich nackt auszieht), die sie als Botschaften an sich persönlich versteht. Diese Botschaften nimmt sie an und reagiert darauf in Briefen, in denen sie versucht, R zu erklären, daß sie ihn glücklich machen könnte, daß ihre Seelen verbunden sind. Als keine Antwort kommt, nimmt sie eher an, daß eine Sekretärin von R ihre Briefe oder ihre eigene Mutter seine Antwortschreiben unterschlagen hat als anzunehmen, daß sie ihn nicht erreichen oder sie nur eine unter vielen (eben nur ein bzw 'Der Fan') ist.
   
 
 
 
 
  Daß das Logo von R ziemlich genau aussieht, wie die SS-Runen ist ein verstörendes Detail - es über diese auch graphisch nicht nachvollziehbare Skurrilität hinaus zu überhöhen und Simones Besessenheit von R samt Umhängetasche mit SS-Runen, die sie auch bei der Klassenarbeit anstelle von Lösungen immer wieder aufs weiße Papier kritzelt, irgendwie als Kommentar zu interpretieren, wie Leute den Rattenfängern zu Nazizeiten auf den Leim gegangen sind, wäre dennoch albern und grundlos. Vielleicht lag es damals eher in der Luft, sich eklektisch in der Ästhetik des deutschen Totalitarismus zu bedienen, R-Zeitgenossen wie Kraftwerk oder DAF (später natürlich Rammstein) legen dies näher.
Wie linkisch, unsicher, verwirrt und sehnsuchtsvoll Simone auf der Suche danach ist, das große Loch in sich selber zu schließen, wie dankbar, aber noch immer unsicher und linkisch sie sich ergibt, als es dann passiert und wie bis zur letzten Konsequenz verzweifelt sie sich weigert, den Moment enden zu lassen und in ihr Leben im Kinderzimmer in Ulm zurückzumüssen: es ist so schön, so echt. Ganz kalt, grauenhaft, aber schockfrei, sensationslos, ruhig, trist und voller Ödheit und Ziellosigkeit, wie die ganze Welt und das ganze Leben für einen sensiblen Teenager aus Ulm (oder sonstwoher). Es ist nicht einmal Leidenschaft, nicht Liebe, nicht Hoffnung, aus der ihre Besessenheit kommt, es ist die Tristesse; der Alltag, in dem das erneute Ausbleiben des ersehnten Antwortbriefes ein so harter Schlag ist, daß Simone trotzig beschließt, die Schule zu schwänzen, aufs Ulmer Münster steigt und sich den Fluchtweg Selbstmord ins Bewußtsein ruft.

 
Das, was humorlose Langweiler an 'Der Fan' aussetzen könnten, ist zugegeben mit drin: das zuweilen an Schultheater erinnernde (zB in den Fernsehshow-Szenen oder das ganze Ende, das sich in eine aberwitzige Wahnsinnsspirale schraubt); oder wie staksig die Schauspieler sich manchmal anstellen. Aber darum geht es nicht und es stört nicht, ist kein Fehler. Das, was der Film erzählt, könnte kaum besser erzählt werden. Eine linkische, traurige Welt läßt sich nicht besser veranschaulichen als durch linkisches, trauriges Spiel, das sich nicht anders gibt als so hölzern und unsouverän, wie es auch in der Wirklichkeit wäre. Unnahbarkeit, Kälte, die Unfähigkeit, etwas zu finden, die eigene Leere zu füllen oder zumindest zu vergessen – das sind alles keine Sachen, denen man mit selbstsicherem Witz, Souveränität, Pizzazz und flotten Sprüchen begegnet. Eine Liebesszene wie die zwischen R und Simone wäre in Wirklichkeit exakt so wie hier: unschuldig, schmerzhaft unsicher, irgendwie beiläufig. Und nicht wie etwas, das gekonnt und geil aussieht, wie etwas, das, keine Ahnung, 'Basic Instinct' entsteigt und in die Ulmer Einsamkeit von Schülerin Simone springt. In einer Einstellung beugt sich Simone so zum mit dem Rücken zur Kamera sitzenden R, daß jedes Kind, das 2009 manchmal fernsieht sofort begreift, daß sie zum Oralverkehr ansetzt; der aber ausbleibt, sie verändert ihre Pose und die beiden machen anders weiter. Das hat nichts mit Innuendo zu tun, nicht mit Oralverkehr, den wir uns denken sollen, den man aber unmöglich zeigen kann sondern ist eine ultrarealistische Abbildung einer unerfahrenen Sexszene, eines verschüchterten Mädchens, das völlig überfordert von dem ist, was hier gerade mit ihr passiert und nicht genau weiß, wie sie sich zu benehmen, bewegen hat.

   
Der unklare Zeitfluß: wie viel Zeit ist vergangen, ist sie jetzt schon drei Tage in München oder erst seit einigen Stunden? Die vielen Weigerungen von Eckhart Schmidt und seinen Darstellern, dem Publikum klare Anhaltspunkte, Zeichen, Erklärungen zu geben: es gibt keine Erklärungen, es gibt keine Lösungen. Das ist die Welt, die ich kenne und das unsouveräne Leben, das ich verstehe. Die ganze Geschichte: meinetwegen geschenkt. Aber wie sie erzählt wird: spitze. Außerdem sehr schön gefilmt, schöne Bilder, fast zu lange, zu langsame Einstellungen. Ach, sowas Schönes wird ja gar nicht mehr gemacht heutztage!
   
 
 
  obwohl ich persönlich die Geschichte sehr gut, schön, originell und einfühlsam finde. Gerade auch das Ende: das hat man SO nicht kommen sehen (na klar ist es alles völlig verrückt und konstruiert, aber dann wiederum interessiert man sich auch nicht wirklich dafür, Filme anzusehen, die genau so sind wie Dinge, die man so schon kennt und Erkenntnisse aus Filmen zu bekommen, die einfach 1:1 Erkenntnisse zeigen, die man ebenfalls exakt so aus dem eigenen Leben kennt).
Ich versuche hier über meinen persönlichen Geschmack hinaus zu einer allgemeinen Erkenntnis zu gelangen, also meine eigene Meinung, meine Subjektivität nur als Weg zu benutzen, Objektivität zu finden, als würde ich im ersten Schritt sagen: diese Farbe gefällt mir und im zweiten dann die Tatsache herauszuschälen, daß ich von Grün rede und welcher genaue Farbton es ist. Es geht um die Wahrheit, die ich aus meinem eigenen Geschmack (und Geschmack ist zunächst etwas, was mit Wahrheit nichts zu tun hat) ziehen kann.

Im Moment erkläre ich 'Der Fan' zu einem der besten deutschen Filme überhaupt. Autorenkino hin oder her (da ist auch nicht alles Gold, was irgendwie mit Fassbinder zusammenhängt, ein Urteil, das ich mir erlauben darf, für bewiesen anzusehen, nachdem ich drei mal 'Daniel der Zauberer' von Ulli Lommel gesehen habe – und vermutlich einer der ganz wenigen bin, die das in den öffentlichen Raum des Web hinein zugeben). Gut gefallen mir alle Filme von Fritz Lang, Edgar Wallace- und Karl May-Filme, dann lange Zeit eher wenig und aus den letzten Jahren vielleicht... '23', 'Absolute Giganten', 'Der Strand von Trouville' und 'Siebtelbauern', sonst selten etwas. Eckhardt Schmidt und 'Der Fan': eine schöne weitere Insel im nicht gerade stark beinselten Ozean des mittelmäßigen deutschen Kramkinos.

Björn Sonnenberg, März 2009

 


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