Casiotone
For The Painfully Alone
Es gibt naturgemäß keinen Maßstab, mit dem sich für
alle nachvollziehbar erklären ließe, welche Musik warum gut
sein könnte und welches Album warum perfekt. Wenn an dieser Stelle
nun also die Rede davon wäre, dass Owen Ashworth als Casiotone For
The Painfully Alone mit Etiquette ein perfektes Album gemacht hätte,
würde das vermutlich keinen großen Eindruck machen. Es gibt
unter den abertausenden abgegriffener Floskeln beim Reden oder Schreiben
über Musik wenige, die so sehr gar nichts sagen - obwohl sie mit
einem Handstreich alles klarstellen wollen - wie der Mythos vom ‘perfekten
Album’ (vermutlich gibt es sogar zu nahezu jedem Album jemanden,
der es als das perfekte Album ausruft). Und trotzdem soll hier irgendwie
vermittelt werden, dass Etiquette etwas ganz Besonderes und Spezielles
ist - und dass es besser ist, dieses Album zu kaufen, als es nicht zu
kaufen. Ach so, die Musik: Indie. Im kompletten Umfang seiner Bedeutungen:
Arbeitsweise, Haltung, Sound.
Owen ist 28, kommt aus San Francisco, wo er die Mieten satt hatte und
lebt jetzt in Chicago, wo er die Architektur mag. Beschäftigungen,
die er mag: Kochen, Lesen, Spazieren, Filme, Scrabble mit seiner Freundin
und seine Katze. Seine Stimme ist sonor und aufrichtig, ein wenig Magnetic
Fields, Silver Jews und Smog. Seine Musik fing bei minimalstem Gezirpe
von batteriebetriebenen Billigkeyboards an und ist mittlerweile irgendwo
in dem weiten Raum angekommen, der sich zwischen bereits genannten Künstlern,
den Smiths, Atom & His Package, seinen Freunden von Xiu Xiu und Postal
Service auftut, irgendwo an der Schnittstelle von Disco, Country und obskurem
Pop. Ein begonnenes Filmstudium brach er ab, als er merkte, dass Songwriting
die schnellere und günstigere Methode ist, um Geschichten zu erzählen,
was außer der Liebe zu Sounds die Hauptsache bei CFTPA ist. Wo diese
Geschichten herkommen ist hingegen nebensächlich:
“None of my songs are particularly autobiographical. I've never
felt any obligation to tell true stories. That just isn't the point of
songwriting for me. I want to write effective, memorable songs, and I'm
happy to steal my ideas from all sorts of places.“
Durch die vier Alben hindurch tauchen darin bestimmte Dinge immer wieder
auf, z.B. Eigen- und Städtenamen, öffentliche Transportmittel
und generell eine Bewegung von A nach B, das Hinter-sich-lassen und Vor-sich-haben
von Orten, Dingen, Gefühlen, Menschen, Beziehungen und das Zusammenspiel
aus alledem. Die Geschichten handeln von Verlassen/werden, Scheitern,
Unsicherheit, verpassten Gelegenheiten, sich nicht angenommen oder verstanden
fühlen, davon, ganz alleine dazustehen, wie schmerzhaft die unfreiwillige
Einsamkeit und Isolation sind und wie schwer Kommunikation. Und all das,
ohne sich der Grenze, wo alles in Selbstmitleid überkippen könnte,
auch nur zu nähern. Das ist kein Schulterklopfen für bzw. unter
narzisstischen Jammerlappen, kein Sich-selbst-feiern in der Feststellung,
was man für eine arme Sau und wie bitter es ist, wenn man so verletzlich
ist und die ganze Welt gegen sich hat. Vielleicht, weil auf eine abgeklärt-ironische
Distanz zu den Figuren verzichtet wird, vielleicht weil es tatsächlich
Geschichten wie kleine Filme mit greifbaren Figuren sind und keine Abstraktionen
eines lyrischen Ichs samt seiner Gefühlswelt. Vielleicht auch, weil
Owen als Autor etwas klüger, reflektierter und auch humorvoller (wobei
Humor nicht zwingend Witzigsein meint) arbeitet als your average Emo-Whiner,
weil er uns nicht knietiefes Elend um die Ohren schlägt, sondern
scharf und mitfühlend beobachtet und daraus Songs strickt, die viel
weiter reichen (genau wie auch der Name des Projektes: hier geht es nicht
um einen Mann mit Gitarre, seine Frauen- und Saufgeschichten und seinen
Kummer. Hier geht es um Musik für alle, denen der Zustand Painfully
Alone etwas sagt).
Die Beziehungen, an denen er sich abarbeitet, erweitern auf Etiquette
den Radius zur Familie. Eltern, Großeltern, Geschwister oder auch
der Begriff ‘Home’ tauchen immer wieder auf als eine fast
metaphysische Institution, die unmöglich hinter sich zu lassen ist,
inklusive der damit verbundenen Gefühle von Schuld, Infragegestellt-
und Unverstandensein.
“Before I started making Etiquette, I was originally working
on a sort of concept album about families. The stories were all meant
to interconnect and overlap in small ways. After writing so many break-up
songs, I felt compelled to write about non-romantic kinds of love, and
the guilt and obligation and complication that comes with family relationships
were especially interesting to me. That record was going to be called
Vs.Children. The project was getting more complicated than I had anticipated,
and meanwhile the months were slipping by and I was anxious to release
another record. Vs.Children went on the back burner when I realized that
it would probably take me a few years to really do the stories justice,
but some of those same ideas and themes ended up in many of the Etiquette
songs.“
Das Interesse am Konzept ist ohnehin grundlegend für CFTPA. Auf seiner
Homepage kann man sich ein Video zur Album-Single ‘Young Shields’
ansehen, das ähnlich strengen Prinzipien folgt wie Stanley Kubrick
oder das Dogma 95 und mehr eine Mischung aus Taxi Driver und Blair Witch
Project als herkömmliches Musikvideo ist. Auf den ersten Alben verweigerte
Owen andere Instrumente als erwähnte Billigkeyboards so wie alles,
was es an gängigen Produktionsstandards gibt (womit sich eine Brücke
zu den Mountain Goats und John Darnielle schlagen ließe; nicht nur,
dass beide tolle Geschichten erzählen und ihre Songs vielmehr entkleiden
statt sie zu überdecken - kaum jemand sonst käme damit durch,
eine komplette Platte mit Anrufbeantworter oder Diktiergerät aufzunehmen),
was als ganz bewusste Selbstbeschränkung geschieht (im Gegensatz
z.B. zu Daniel Johnston mit seinem klaustrophobischen und eher unbewussten,
pragmatischen Minimalismus).
“Self-restriction was the impetus behind the Casiotone project.
I have always liked the idea of making rules in art. I like the idea that
economy breeds ingenuity.“
Obwohl es durchaus möglich (und in diesem Text bereits mehrfach geschehen)
ist, CFTPA zwischen anderen Bands und Künstlern zu verorten, nennt
Owen als Einflüsse auf sein Songwriting statt anderer Musik Comiczeichner
wie z.B. Daniel Clowes. Es wäre eigentlich auch einfacher zu sagen:
CFTPA ist ungefähr so wie Comics von Chris Ware, nur eben als Musik.
Immer wieder: CFTPA ist mehr als eine Band und mehr als das Hören
von Musik und die Songs sind und tun mehr als die meisten anderen Songs
auf der Welt. Es ist ein fantastisches Gesamtkunstwerk, auf das ich, der
Autor dieses Textes, nur gestoßen bin, weil ich das Cover unglaublich
schön fand und schon vorab beschloss, diese Platte zu mögen
und mit nach hause zu nehmen, um sie meiner Freundin zu schenken. In Gouachefarben
gemalt sitzen sich ein Krokodil und ein transparentes Mädchen unter
Wasser an einem gedeckten Tisch gegenüber, das Krokodil lächelt
entspannt, raucht eine Zigarette (trotz der reptilientypisch kurzen Gliedmaße),
vor sich eine Dose Bier. Ganz warm, zart, außergewöhnlich,
witzig und völlig rätselhaft. Die einzige Information sind die
Buchstaben Etiquette, die dem Mädchen entsteigen wie der Rauch dem
Krokodil. Vermutlich muss und kann nicht alles gesagt werden und der ganz
große Bogen schließt sich mit dem letzten Satz im letzten
Song: Some things are best left unsaid. CFTPA beginnt da, wo Kommunikation
aufhört, wo schwierige Situationen, Einsamkeit, Wahnsinn und Besessenheit
beginnen. Alles auf einem Album, das wie die 69 Love Songs der Magnetic
Fields oder Daisies Of The Galaxy von den Eels so klingt, als wäre
es nur für einen selber gemacht worden. Völlig zeitlos, geschlossen
und voller Geheimnisse und Wendungen. Ganz intim und direkt. Und obwohl
man die Stellen schon vorher kennt, an denen man Owen in einem Song atmen
hört, ist es doch immer wieder, als würde er einem die Geschichte
ins Ohr flüstern, ein bisschen wie ein Film, dessen Ende man kennt
und das einen trotzdem zu Tränen rührt. Immer und immer wieder.
Björn Sonnenberg, Köln, Februar 2006
Nachbemerkung: Dieser Artikel wurde ursprünglich
in dem österreichischen Magazin INDIE veröffentlicht, aber,
wie ich irgendwann feststellen musste, total verhunzt, weil darin rumgeschmiert
wurde und Sätze und Fakten verdreht, verändert und verfälscht
wurden, was mich über Maßen aufegeregt hat, weil ich mir extra
so viel Mühe gegeben hatte, den Rahmen nicht zu sprengen und mich
an Zeichenvorgaben zu halten. Jedenfalls habe ich mich sehr für die
mit meinem Namen unterzeichneten Artikel geschämt, die mir plötzlich
so fremd geworden waren und stelle sie hier in der Form ein, in der ich
sie bei der Redaktion eingereicht habe. Das CFTPA-Album, um das es hier
geht, ist nach wie vor eines der besten Alben, das ich kenne.
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