![]() |
||
Artikel Der Fan 03/2009 // ATP New York 2008 14/10/2008 // The Hold Steady 01/04/2007 // Angel 3rd Season 01/04/2007 // Blumfeld 31/03/2007 // Gallon Drunk 31/03/2007 // Hot Chip 06/2006 // Victory At Sea 05/2006 // Casiotone For The Painfully Alone 02/2006 // Weezer 05/2005 |
||
(Die rot
markierten Wörter anklicken, das sind Fußnoten, die dann in
einem Popup aufgehen)
Und in Gedanken ging ich zu dir und ich sagte: bitte hilf mir. Vergiß die Lieder, die ich spiel, die hatten nie etwas zu tun mit Dir. Die sind so hohl wie ich und darauf Du: "Und davon handeln wir." (Superstarfighter, L'Etat Et Moi, Big Cat 1994) Kurze Einleitung: gestern Mittag habe ich ein Mittagessen zum Mitnehmen bestellt und bin in der Viertelstunde Wartezeit zum Plattenladen gegangen. Dort habe ich aus einem Gefühl heraus die Blumfeld-Box 'Ein Lied mehr' gekauft, obwohl ich sämtliches enthaltenes Material, das mich interessiert, schon lange besitze. Aber das Lebewohl der Band, das diese abschließende Zusammenfassung ist, wollte ich gerne so annehmen und mich von Blumfeld in Liebe und mit einem freundschaftlichen und respektvollen Händedruck verabschieden. Gestern abend legte ich die Bonus-CDs auf. Die 'Various Recordings' auf, sog. 'special versions', die mich nicht direkt ansprangen, aber auf eine Art eine Verschmelzung von alten und neuen Blumfeld sind, ein Amalgam der gesamten Geschichte und Entwicklung der Band. Und selbst wenn mir das Wenigste wirklich gefiel, sprach es zu mir und warf meine Gedankenmaschine an. Nebenher redete ich mit Niklas über Blumfeld, ich erzählte ihm, was mir während dem Hören einfiel und wir erinnerten uns beide an unsere Geschichte mit der Band, unsere Beziehung zu ihr, eben an jeweils unsere Blumfeld. Die Live-CD schaltete ich nach fünf Stücken aus, weil sie zu sehr all das dokumentiert, was ich an Blumfeld mittlerweile enttäuschend fand, es ist eine Konzerttaufnahme aus dem August 2006. In der Nacht jedenfalls hatte ich einen Traum, in dem ich einen Artikel über Blumfeld schrieb und versuche nun, diesen in der Wirklichkeit aufzuschreiben. Ich schicke das vorweg, obwohl ich es meistens hasse, wenn Autoren ihren eigenen lahmen Stream of Consciousness über die eigentliche Information (die Musik) stellen. Aber es gibt keine zweite Band in Deutschland – und gab es nie zuvor – die so sehr eine eigene Art der Berichterstattung heraufbeschworen hat wie Blumfeld (nicht einmal Tocotronic, bei denen es ähnlich war/ist). Über Blumfeld schreiben war in vielen Fällen kein Schreiben über Musik, Produktionsweisen, Texte, die Musiker und das Umfeld aus dem sie kommen, das Artwork, Haltungen etc, also Dinge, um die es einer tourenden und veröffentlichenden Band u.a. geht, sondern ein quasi-literaturwissenschaftliches Sich-Abarbeiten, das meistens keinen größeren Erkenntnisgewinn brachte als Aufsätze, in denen Zehntklässler, die im Deutschunterricht am Beispiel von Gryphius 'alles ist eitel oder 'Das Leben ist eine Rennebahn' lernen, wie man einem barocken Gedicht beikommt, wie man ein Vanitas-Symbol erkennt und was es bedeutet. Über die Musik und die Platten wurde in den seltensten Fällen gesprochen. Daß man Blumfeld 'verstanden' hat, konnte man beweisen, indem man Zitate als Überschriften benutzt, durch Namedropping, daß es knallt, das wilde (und gerne willkürliche bis sinnlose) Hin- und Herspringen zwischen affektiertem philsophischem Halbwissen und immer weiter hergeholten Querverweisen aus der Welt der Popmusik -> durch ein Eintreten in den 'Diskurs', von dem man glaubte, Blumfeld hätten ihn ausgerufen. (Und vielleicht hat Jochen Distelmeyer das ja getan. Vielleicht hat er die Geister selber gerufen, die Münchener Freiheit, Derrida und Foucault selbst ins Spiel gebracht und einen Wettbewerb der Klugscheißer ausgerufen?) Und dennoch schreibe auch ich nicht wirklich etwas über die Musik von Blumfeld. Warum auch; das Kapitel ist abgeschlossen und sowohl die Qualitäten, die die Band besonders, wichtig und populär gemacht haben als auch die Entwicklung, in der sie möglicherweise sich selbst, aber doch zumindest einen großen Teil ihrer Hörer verloren hat, sind offensichtlich und bekannt. Da ich nichts über die Menschen weiß, die in der Band spielten, nichts über die Geschichte, wie sie wirklich war , möchte ich zum Abschied über mich schreiben, und meine Jahre mit Blumfeld. Denn obwohl ich ab 'Old Nobody' den Bezug zur Band verloren habe und mir danach keine ihrer Platten mehr selber kaufte, haben Blumfeld nie ihre Bedeutung für mich verloren, das Geschenk, das sie mir gemacht haben nie seinen Wert und ich nie meine Liebe zu ihnen. Mein erster Kontakt mit Blumfeld: schätzungsweise 1994; nachts auf MTV lief das Video zu 'Verstärker', was mich erstens deshalb überraschte, weil selten deutsche Bands auf MTV liefen (und wenn, dann waren es welche, die ich kannte, so wie Die Prinzen mit 'Alles nur geklaut' oder die Fantastischen Vier). Zweitens war alles daran seltsam. Das Licht (auch: Schwarzweiß!), die Frisur des Sängers, das Instrument des Bassisten und der Text. Solche Menschen, so eine Musik, so eine Ästhetik hatte ich noch NIE zuvor gesehen und hatte keine Ahnung, was ich davon halten sollte. Ein wenig kam es mir vor, als wäre es etwas, das so schräg ist wie Dieter Thomas Kuhn (der uns 13jährigen in Mühlacker in der Tat schräg und sogar witzig erschien), aber dabei eben absichtlich extrem klug und poetisch. Halb belustigt, halb beeindruckt behielt ich den Namen und war erstaunt, kurz darauf in den CD-Abteilungen von Gerwig und Horten in Pforzheim 'L'Etat Et Moi' zu entdecken, in die ich in beiden Läden reinhörte und im Amerikaurlaub mit meinen Eltern sah ich die CD sogar bei Tower Records. Bei einer Wah Wah-Sondersendung auf Viva, wo Bands andere Bands ansagten, wünschten sich Therapy? Blumfeld. Ich hatte die Sendung auf Video aufgenommen und nahm mit dem Kassettenrekorder und einem Billigmikrofon meine Lieblingsstücke auf eine Kassette auf und sah auch die Videos immer wieder an. Ich schrieb den Text heraus, um ihn besser 'verstehen' zu können und jede Zeile war wie ein Geheimnis, in das ich eingeweiht wurde. Verstärker streckte sich in mir aus und wurde eingesaugt wie von einem Bett aus Papier. Ich spielte meinem besten Freund das Video vor und wies ihn an, sich total zu konzentrieren, so daß es nichts mehr um ihn gibt außer diesem Lied. Als es vorbei war, fragte ich ihn 'und, hast du was gemerkt' und er sagte 'M-hm', wie ich heute vermute wollte er mich in meiner Begeisterung nicht bremsen; ich hatte das Gefühl, als wäre das alles wie ein Zauberspruch. Etwas Magisches, etwas, was es vorher noch nie gegeben hat in unserem Leben und etwas, aus dem wir irgendwas ziehen können für uns. Und wenn nur Zeilen, Parolen, Worte und Sätze, die uns so schwierig erschienen wie unser eigenes Leben und daher spitzenmäßig zu unserem Lebensgefühl passten. Ich verstand nicht wirklich, was in Verstärker gesagt werden soll, anders als 'Schrei nach Liebe' von Die Ärzte oder in alles von den Toten Hosen. Alles daran war rätselhaft, es war ein Liebeslied, ein Lied über Angst, Verstörtsein, über Körper und Sex, über das Verschwimmen von Wirklichkeit und Traum, darüber, wie man sich selber in einen Text auflöst und am Ende des Tages wieder bei sich selber ankommt: "dann geh ich raus und kieke und wer steht draußen: icke". Ungefähr ALLES und das ganze Leben ließ sich für mich in 'Verstärker' finden. Als ich dann endlich das Album besaß und mir irgendwann später 'Ich-Maschine' schenken ließ, wiederholte sich dieses Gefühl immer wieder und stellte sich bei anderen Stücken ein. Wenn ich heute die beiden ersten Alben höre, ist das Gefühl ganz genau dasselbe - oder die Erinnerung an das Gefühl von damals zumindest so stark, das es auf dasselbe rauskommt. Hm, wenn ich von Magie rede, bin ich vielleicht kaum besser als jemand, der versucht, eine Brücke von Blumfeld zur romantischen Dichtung und Novalis blauer Blume zu bauen, weil er im LK oder einem Einführungsseminar davon gehört hat und nun sein geiles Wissen auf etwas anwenden will, wo es scheinbar nichts zu suchen hat. Aber ich werde nie das Gefühl vergessen, wie ich ganz fest glaubte, es könne uns verändern, konzentriert 'Verstärker' zu hören, als würden uns dadurch neue Wahrheiten offenbar und wir könnten an (geistige) Orte gelangen, an denen wir vorher nicht waren und die anderen dabei natürlich weit hinter uns lassen. Und das sind Blumfeld für mich. Ein Schlüssel zu einer anderen Welt oder zumindest zu einer Türe, die verschlossen war bevor Blumfeld uns a) die Tür gezeigt haben und b) wie man sie öffnet direkt dazu. Die Musik dazu ist einer der ersten Beweise, der (für mich ersichtlich) angetreten wurde, daß Pop, Rock, Krach, Experiment und Poesie eins werden können und dabei alle Bestandteile so sehr in ein neues Ganzes auflösen, daß man Mühe hat, sie als Einzelteile isoliert zu erkennen. Das Feedback in 'Verstärker' hätte meinetwegen auch eine Flöte oder Orgel sein können. Es klang schön und cool und ich habe mir niemals die Frage gestellt, was denn das sei; weil es so perfekt an seinen Platz fiel. Das war ja alles lange bevor ich wusste, wer Velvet Underground, Fall, Pavement oder Kolossale Jugend sind, lange bevor ich irgendwelche Querverweise, Anspielungen und (auch diskursive) Zusammenhänge richtig kannte und verstehen konnte. Und so hat Blumfeld für mich am besten funktioniert: sie waren einfach auf einmal da. Von allem entkleidet, völlig ohne Kontext und ohne Vorwissen meinerseits, einfach eine Band, die ich auf rein gar nichts 'abtastete', auscheckte, an nichts spiegelte und maß, sondern einfach nur: hörte, wahrnahm. Der Moment, an dem das nicht mehr möglich war, war vermutlich der Schlusspunkt. Ob es daran liegt, daß sich die Musik unbestreitbar verändert hat (daß sich immer mehr ein mir irgendwie unangenehmes Jaulen in den Gesang einschlich, daß Experimentierfreudigkeit von Bord ging und ein mir nur noch in der Theorie verständliches Verständnis von Pop das Steuerrad übernahm, daß die Texte unbestreitbar schlechter und geheimnisloser wurden usw.) oder ob es daran lag, daß eine Band nur ein einziges mal aus dem Nichts kommen kann, kann ich nicht sagen. Nach einem Album wie L'Etat Et Moi (und das wiederum nach einem Debut wie 'Ich-Maschine') wird eine Band anders beobachtet, anders angefasst und besprochen (zwangsläufig: sie wird in ihre eigene Geschichte eingebettet und als Teil derer verhandelt). Der Kontext, den es vorher nicht gab, ist nun da und wurde bei Blumfeld immer stärker das einzige Kriterium; alles wurde abgeklopft, tausendfach gewendet und untersucht und das vor allem von selbstwichtigen Idioten, die am allerliebsten von allem ihr eigenes Bedeutungsgehubere mögen und Musik vor allem als Vorwand begreifen, zu reden und einen Kontext zu erschaffen, der ihre eigene Wichtigkeit 'im Zusammenspiel aus Musik und Rezipient' beweist. Das ist übrigens kein Vorwurf an irgendwen, Blumfeld durch Überintellektualisierung in die eine oder andere Richtung gedrängt, verändert, beeinflusst zu haben. Ich vermute, Entwicklung der Band & ihrer Musik und das seltsame monolithische Gerüst, das um sie herum wuchs bedingten sich stets gegenseitig. Daher komme ich hier zu einem Ende. Das hier war der Versuch zu erklären, wie Blumfeld irgendwie in meinem Leben und meiner Geschichte mit drin waren und ein Ausflug in Erinnerungen, die mir gut gefallen. Ich bin sehr dankbar für das Gute, das ich aus Blumfeld ziehen konnte und kann seltsamerweise alles andere völlig ausblenden. Für mich wird es so sein, als wäre ein Lied wie "Weil es Liebe ist" mit einer Zeile wie "und wie geil es ist wenn man sich küsst" nicht geschrieben worden. Mein liebstes Blumfeld-Lied aller Zeiten ist 'Superstarfighter'. Als ich den Text eben noch einmal las, hatte ich das Gefühl, daß Jochen Distelmeyer nicht nur die Jahre davor betrachtet sondern bereits die nächsten 13 Jahre vorausgesehen und kommentiert hat: Du sagtest: "Los komm, erklär mir in den Liedern, die du spielst ist immer weniger von Dir selber drin." "Stimmt genau," sag ich "die sind so wie ich selber bin." Ein Wind um nichts und davon handelt meine Stimme kommt wie ein Wirbel, wind of change von null auf hundert in die Gänge begrenzt die Stille beschreibt Schleifen sorgt für Klänge auf der Kippe die aus den letzten Löchern pfeifen. Vielen Dank und alles Gute. |
|
|