Liebe Leserinnen, liebe Leser, liebe Fans vom Web, Musik oder Intro generell,
Achtung, dieser Text ist sehr, sehr lang (eine stark gekürzte Version auf intro.de). Er faßt drei aufregende Tage und über 30 Konzerte zusammen, gepaart mit einer Erlebnisdichte, die es sonst nur in der Phantasie gibt. Ich, der Autor, rate, den Text nur zu lesen, wenn gerade Zeit totzuschlagen ist im Internet oder wenn sich jemand vor eigener Arbeit drücken möchte; weil es keinen Spaß bringt, querzulesen, Sprünge zu machen und nach den Stellen zu suchen, wo in einem Satz kompakt steht, wie die Performace des Wu Tang Clan war oder wie ich es erlebte, als Beck mich zu einem Stück Kuchen in seinen Wohnwagen lud. Zumal beides nie passiert ist. Viele Grüße, Ihr Björn Sonnenberg
Die britische Festivalreihe All Tomorrow's Parties, mittlerweile um ein Plattenlabel erweitert, hat unter anderem die Don't Look Back-Reihe initiiert, bei der moderne Klassiker der Indiemusik in ihrer Gänze live gespielt werden: epochemachende Alben von Mudhoney, Ennio Morricone, Shellac, Teenage Fanclub, Gang Of Four, Buffalo Tom uvm. werden von Song 1 bis Auslaufrille gespielt. Dann natürlich hat das kleine Team, das sich im Gegensatz zum Apparat, der an Riesenrockspektakeln hängt, wie sie besonders Deutschland jeden Sommer überziehen, fast schon wie eine DIY-Clique anfühlt, die großartige Idee gehabt, für die Festivals Kuratoren einzuladen, bei denen man sich wirklich dafür interessiert, wie ein Festival aussähe, das sie selber zusammenstellen können wie ein Kunde an der Käsetheke, der mit dem Finger auf alles zeigt, wovon er sich eine Ecke wünscht.
In der Vergangenheit waren das dann so unterschiedliche Gastgeber wie Matt Groening, Vincent Gallo, das Pitchfork-Portal oder eben Interpreten: die Shins, Portishead, Modest Mouse, Sleater Kinney, die immer überall anwesenden Sonic Youth (während meines Aufenthaltes in Neuengland diesen Herbst mußte ich mir quasi die Augen verbinden, um nicht dauernd mit Thurston Moore zu kollidieren: mal spielte er mit Sonic Youth in einem ehemaligen Schwimmbad in Brooklyn, dann in einer Pizzeria (!) in New Haven mit einem Kumpel sitzend, sinn- und uferlos Krachgitarre usw.) und ATP-Dauergäste wie Mogwai und Shellac, die mittlerweile an rund 75 ATP-Events teilgenommen haben.
Das ATP NY ist nun das erste Festival (nach einem einmaligen West Coast-ATP 2003), das in den USA stattfindet und alleine deshalb etwas besonderes. Schauplatz ist kein ehemaliges Flughafengelände, nicht Weideland, Schützenplatz, Konzert- oder Festhalle, sondern der Kutsher's Country Club, ein riesiges Ferienklubgelände, das bekannteste von ehedem ca. 400 solcher Resorts. Besonders in den 50er- und 60erjahren verbrachten jüdische Familien, wenn es in der Stadt unerträglich heiß wurde, ihre Sommer in diesen Resorts upstate New York, wovon u.a. der Film Dirty Dancing Zeugnis ablegt, der in einem solchen family resort spielt. Mit dem Siegeszug der Klimaanlage wurde es immer weniger nötig, den heißen Stadtsommern in die Catskill Mountains zu entfliehen und die einst prächtigen Anlagen mußten nach und nach schließen. Mittlerweile sind noch vier in Betrieb, aber auch sie werden von moderigem Geruch der Geschichte und dem Glanz vergangener Tage umweht und wirken geisterstadtgleich heimgesucht.
Die Infrastruktur der gesamten Gegend ist so stark geprägt von der Präsenz amerikanischer jüdischer Kultur, daß Schulbusse z.T. ausschließlich hebräisch beschriftet sind, die Tankstelle Zeitschriften über jüdische Musik, ebenfalls in hebräisch gefaßt, und die Pizzeria koshere Pizza verkauft.
Zum Ticket ließ sich ein Hotelzimmer dazubuchen und so abgelegen, wie das Resort ist, greifen darauf auch fast alle Besucher zurück. Der erste Schwung Kartenkäufer verbringt die Nächte direkt im Kutsher's, alle anderen im ein paar Meilen bergab gelegenen Raleigh, zwei gelbe Schulbusse fahren als Shuttle zwischen beiden Resorts hin und her. Das Raleigh ist noch gespenstischer, scheinbar hat es gerade seine allerletzte Saison hinter sich. Der Pool ist vernagelt, die ehemalige Schlittschuhbahn dient als Rumpelkammer, der extra für die Festivalbesucher wiedereröffnete improvisierte Coffeeshop serviert fast unwirklich trashiges Essen, es ist eine einzige Freude.
Die drei Festivaltage setzen sich zusammen aus dem Themenabend Don't Look Back und etwas Comedy am Freitag, einer Auswahl von Bands, die die ATP-Crew eingeladen hat am Samstag und schließt am Sonntag mit dem von My Bloody Valentine gestalteten und ausgesuchten Programm. Von den 40 Acts der drei Tage schaffen wir es, 31 anzusehen (ich besuche das Festival mit meinen Freunden Stefanie und Niklas, das wir, das ich im folgenden benutzen werde, ist kein majestätisches).
Die kaum vorhandenen Pausen kann man unterschiedlich verbringen. Natürlich ist die meiste Zeit bloßes Hin- und Hereilen zwischen dem großen Stardust Ballroom - einem surrealistischen und wunderschönen Ballsaal - und dem etwas kleineren Saal mit viel zu niedriger Bühne und dafür fast totaler Dunkelheit nötig.
Wie sehr die Örtlichkeit auf Familien und da mit einem Fokus auf Senioren ausgelegt ist, merkt man z.B. am Souvenirshop: es gibt die geschmacklosesten Handtaschen der Welt mit Yorkshire-Terrier-plus-Halsband-aus-aufgesetzten-Straßsteinen-Motiven und Mentholzigaretten für Grandma, eine gemütliche graumelierte Turnhose mit Kutsher's-Aufdruck und Marlboro für Grandpa. Wir Jugendlichen können (wenn nicht gerade Rockbands das Gelände heimsuchen) unsere Tage in der Game Arcade verbringen. Niklas wird in den drei Tagen am X-Files-Flipper festwachsen, Stefanie alle Finishing Moves von Mortal Kombat kennenlernen und ich bei Millipede Entspannung durch Anspannung suchen. Eine große Tote Bag, deren Prinzip dasselbe ist wie das von Duschvorhängen aus WG-Badezimmern, wo es postkartengroße Folientaschen gibt, in die man vorm Wasser geschützt witzige Edgar-Postkarten o.ä, stecken kann, nur daß hier als Vorschlag wiederum scheußliche Fotos von Kleinsthunden auf der Außenseite der Tasche prangen, die vermutlich durch Babyfotos oder Bilder der Enkel mit schokoladenverschmierter Fresse ersetzt werden sollen, vergessen wir am Ende zu kaufen. Wäre mehr Zeit, könnten wir Unterricht für Golf und Tennis nehmen (Ski zu anderer Jahreszeit auch, es gibt sogar einen Lift) und wäre die Schlange kleiner, mit dem Ruderboot auf dem kleinen See herumfahren.
Die Essen- und Merchandise-Situation ist ebenfalls so improvisiert und dürftig, daß es das Herz erfreut, weil auch hier offensichtlich wird, daß es bei diesem Festival nicht darum geht, riesige Stände der Deutschrock GmbH, Batikshirt- und Schmuckstände geschickt zu plazieren oder überteuerte Samosas und Bier zu verkaufen, wenn die Gäste nicht gerade von den Werbepartnern per Banner, Videoscreen, Promotern oder Bungeesprung zum Thema Biermixgetränke, Tabak oder Handy bearbeitet werden: das ATP hat bewußt keine Sponsoren. Da der Ticketpreis verhältnismäßig hoch ist und die Lokalität nicht mehr fassen kann als geschätzt 3.000 Menschen, gibt es keine der Festivaltouristen, die nur zum Campen auf den Festivals erscheinen und per Generatorstrom den ganzen Zeltplatz mit dem Geballer von Chili Peppers, Onkelz und Metallica bis zum Morgen beschallen, die meiste Zeit mit freiem Oberkörper und ab dem Frühstück Dosenbier in der Hand (Zwischenfrage: wird noch immer ein lautes "Helga!" als Erkennungsruf der Deppen geschrien? Ich war lange nicht mehr als zeltender Gast auf Festivals und habe, was schlechtes Benehmen auf deutschen Festivals angeht, einen Wissensstand, der veraltet sein könnte).
Der Freitag beginnt am frühen Abend, nachdem etwas Zeit war, das Gelände und das Ausmaß seines grandiosen Verfalls kennenzulernen. Bardo Pond eröffnen und machen eine Musik, die sich exakt aus den Aspekten von Sonic Youth und Grateful Dead zusammensetzt, die anstrengend sind. An den Meat Puppets, die ihr 'Hit'-Album Meat Puppets II spielen, gefällt mir am besten, daß die Brüder Kirkwood aus der Entfernung beide aussehen wie mein Freund Martin Schray. Ihr Set ist etwas fahrig und wirkt trotz der leuchtenden Momente sehr hingeschludert.
Thurston Moore spielt Psychic Hearts, ein außergewöhnliches Album, das auch live umgesetzt wunderschön ist. Sonic Youths Steve Shelley spielt Schlagzeug, ein weiterer Langhaariger, der an Led Zeppelin oder die eben erlebten Meat Puppets erinnert, den Rockbaß – es scheint ein Thema an diesem Abend zu sein. Vor Thurston Moore steht ein Notenpult, von dem er die Texte abliest, manchmal redet er achtlos mit seiner Band: 'oh, you're right, it's in B', was angesichts der enormen Souveränität etwas sehr kokett rüberkommt und sich anfühlt wie ein lässiges 'oh, welches meiner tausend Alben sollte ich spielen? Ach ja, dieses - nun gut, feuern wir es eben raus, kein Problem, mir auch egal.'
Tortoise sind eine sensationelle Überraschung. Wer wie ich bisher dazu neigte, die Band als zwar ganz toll aber auch manierlich und etwas langweilig zu empfinden, hat sie vielleicht nie in der richtigen Lautstärke hören dürfen. Der Sound ihrer Millions Now Living...-Umsetzung ist perfekt, die Inszenierung mit zwei Schlagzeugen und zwei Vibraphonen, die symmetrisch angeordnet sind zusammen mit den dezenten, aber sehr guten Projektionen, ist so geschlossen und atemberaubend, daß der ganze Raum in Ekstase gerät über die herrliche Power instrumentaler, völlig durchkomponierter Musik.
Der Headliner Built To Spill spielt Perfect From Now On und einen ausgedehnten Zugabenblock. Die Band verliert sich gerne in glorreichen und scheinbar endlos ausufernden Jams, oft denke ich beeindruckt: was für ein Finale! und die Band nimmt das Thema wieder auf und gniedelt noch ein paar Minuten weiter. Ich entscheide die Frage, ob drei Gitarren und ein Cello wirklich eine gute Idee sind zugunsten von Built To Spill; mir fiele allerdings kaum eine zweite Band ein, bei der Noodling und Doodling so kurz vor der Trennlinie zwischen herrlichem entgrenztem Musizieren und enervierendem Gejamme, das v.a. Spaß macht, wenn man in der Band spielt, stehenbleibt und die Kurve kriegt.
Auf der kleineren Bühne ist bei bestuhltem Saal Comedy. Sonst ist dieses Wort wie eine Signalfarbe, wie nature's way of saying: nimm reißaus. Wo in Deutschland auf ein ganzes Faß von Dreckspatzen wie Ingo Appelt und Spießerscheiße wie Mario Barth maximal ein Heinz Strunk kommt, gibt es in den USA eine ganze handvoll von Leuten, die auf einer Bühne stehen um Witze zu erzählen und dabei nicht in Widerwärtigkeiten waten, um den möglichst allerkleinsten gemeinsamen Nenner aller Menschen (angenommen: Boshaftigkeit, Gehässigkeit, Häme, Ablehnung alles Fremden etc) abzugreifen. Zusammengestellt hat die Auftritte Patton Oswalt, bekannt als Spence aus King Of Queens und zahlreichen Filmen.
Joe DeRosa ist sehr lustig bei seinem Erkunden der Schnittstelle von dem, was als gute und als schlechte Kunst angesehen wird, Mainstreamkino (seine Zusammenfassung vom Sex & The City-Film: reiche Frauen schenken sich Handtaschen und weinen vor Rührung deswegen) und dem eigenen Scheitern (z.B. beim Auftritt auf dem jährlichen Festival der Insane Clown Posse, zu dem er in einem dunklen Wald in einem Bus ohne Sitze gefahren wird, um für ein Publikum zu spielen, das Clownschminke trägt und aggressiv und ohne erkennbaren Sinn 'Family! Family!' skandiert. Köstlich.).
Die Freude darüber, daß mit Maria Bamford auch eine Frau auftritt und das Komischsein nicht nur den Männern überlassen wird, zerschlägt sie in Windeseile. Ihr Auftritt ist eine würdelose, blamable und unvorbereitete Nebelfahrt durchs Nichts. Irgendwer hat den Fehler begangen, Maria Bamford zu stecken, es sei der schiere Wahnsinn, mit drei verschieden verstellten Stimmen zu sprechen. Was – völlig egal, Hauptsache verstellte Stimme und das Gag-Bewußtsein des Publikums triggern mit Vokabeln wie cunt und dem Einbinden der eigenen Mutter in irre schräge und pointenfreie Stories.
Eugene Mirman hingegen ist wieder große Klasse. In der großartigen HBO-Serie Flight Of The Conchords spielt er den Vermieter Eugene. Er wirkt wie ein gepflegter älterer Herr mit traurigen Augen, der bedacht und gebildet seine Worte wählt. Seine Comedy ist ein Mix aus Wort- und Aktionskunst, wie z.B. dem Verteilen von vorgedruckten Postkarten, auf denen jeder den eigenen Namen einsetzen kann und die Karte abschicken, um einer Fluggesellschaft mitzuteilen, wie sehr man sie haßt dafür, daß sie Eugenes Gepäck verloren hat.
Patton Oswalt tritt abschließend selber auf, seine Gags sind etwas mehr auf den einfachen Humor zugeschnitten, fußen oft auf dreiminütigem Reden über den eigenen Penis, Onanie oder das eigene Übergewicht, gelegentlich trifft er aber ins Schwarze, z.B. mit seiner Beobachtung, das leicht vergilbte Kutsher's wirke. als sei jemand mit einem Laster voller Schinken vorgefahren und habe alles mit ihnen abgerieben; oder damit, daß John McCains Haupt-Asset - seine Vergangenheit als Kriegsgefangener im Dschungel, der dann zurückkommt und es allen zeigt – deckungsgleich mit der Geschichte eines jeden Film-Superschurken ist, der von den Kameraden zurückgelassen, da totgeglaubt, wurde.
TAG 2
Den zweiten Tag beginnen wir mit einem Einkauf im riesigen Supermarkt, um der einseitigen Essenssituation etwas fetziges entgegenzusetzen und setzen uns mit selbstgeschmierten Bagels ins Criterion-Kino, wo die Firma Filme aus ihrem Programm vorführt, Stargast ist Paul Schrader, der anwesend ist, um in Mishima einzuführen.
Wir sehen uns in direkter Folge Gimme Shelter an, ein grauenhaftes und bedrückendes Dokument der Rolling Stones-Tour, die mit der Katastrophe von Altamont 1969 zu Ende ging. Danach 1991 – The Year Punk Broke von David Markey, der ebenfalls zu Gast ist, einführende Worte spricht und später Fragen beantwortet. 1991 ist der Tourfilm über Sonic Youths Europatour 1991, bei denen Nirvana, wenige Monate vor ihrer Übernahme der Weltherrschaft, Vorband waren. In schwer anzusehenden Bildern aus 90er-Wackelkamera und frühen Digitaleffekten ein irres Zeitdokument und die Gelegenheit, mal diesen Film zu erleben über den jeder weiß, daß es ihn gibt, aber den noch niemand gesehen hat. Daß es eine Zeit gab, in der Nirvana als linkische junge Männer herumalberten und es sichtlich genossen, mit ihren Idolen auf Tour zu gehen, in der die Babes In Toyland und Dinosaur Jr als heiße frische Bands die Könige der Festivalnachmittage waren ist heute nur schwer vorstellbar. Einzig unverändert von den 17 vergangenen Jahren scheinen Sonic Youth, die nach wie vor ungefähr genauso aussehen und sich ähnlich benehmen: die Mischung aus Eitelkeit, Profilierungssucht, aber auch Smartness und Witzigkeit des jungen Thurston Moore paßt 1:1 zu dem Konzert, das wir am Vorabend erleben durften.
Eigentlich ist jedes Konzert wieder für sich genommen ein Highlight. Die obskure Krautrock-Legende Harmonia webt einen Klangteppich von fast unwirklicher Dichte und Schönheit, die Projektionen von alten Band- und Archivfotos im Kontrast zu den würdevoll gealterten Herren, die in Erhabenheit und Ruhe ihre Apparate bedienen, lädt den Raum magisch auf. Im hinteren Teil des Saales stolpern wir mehrfach im Dunkeln über Leute, die meditieren.
Der Rapper Edan, unterstützt durch seinen Partner Dagha, ist wieder eine besondere Überraschung. Abwechselnd halten beide MCs ein Effektpedal in der Hand, um Sounds zu generieren, spielen zweistimmig Kazoo, rappen auf Samples wie Femme Fatale von Velvet Underground oder Strawberry Fields Forever der Beatles und arbeiten Albernheiten wie Perücken, Barhocker und Gitarre oder das Verteilen von Blumen in ihre Show ein, die dadurch nicht albern, sondern einfach nur unglaublich schön und unterhaltsam wird. Sollte eines Tages nötig werden, Großteile der Musik wegzurationalisieren, steht Edan mit seinem eklektischen Mix aus dem best of Indierock, Hiphop und Noise ganz gut da.
Low und Silver Mt. Zion arbeiten mit den Elementen Ruhe, Schönheit, Länge und Intensität, daß es Schauer über die Rücken jagt, Polvo und ihr vertrackter sperriger Entwurf von Rockmusik wurde vermutlich noch nie in einem so angemessenen und großen Rahmen entfaltet und bereitet in seiner mathematischen und verkopften Krachigkeit den Boden für das, was danach folgt. Zunächst Les Savy Fav, auch einer der riesigen Über-Höhepunkte. Sänger Tim Harrington hat die vermutlich beeindruckendste Livepräsenz, die es gerade gibt. Er weitet die Bühne bis weit über die Bühne aus und macht alles, was er findet zum Schauplatz für sich und seine Band: sei es sein eigener Körper, den er mal kostümiert, mal fast nackt und dann in einem neuen Kostüm, zum Show-Gegenstand umfunktioniert, sei es das Publikum, das er durchstreift, einbindet, beschnüffelt, küßt, unterwirft wie vielleicht zuletzt David Yow von The Jesus Lizard (was aber auch schon ganz schön lange her ist und lange nicht so bunt getrieben wurde wie das hier), sei es eine Stange hinter der Bühne, die er freilegt, indem er Vorhänge zur Seite zieht (und damit auch ganz tatsächlich den Bühnenraum und dessen Begrenzungen verändert) und an der er emporklettert wie im Turnunterricht, oder eine Leiter, die er neben der Bühne findet, emporsteigt und sich vom Publikum darauf tragen läßt: 'this was awesome! This was like Cats AND Starlight Express combined!'. Mit einem Gesicht, das er sich selbst blutig geschlagen hat und mehreren hundert Leuten auf der Bühne, die er dirigiert und 'Je t'aime' singen läßt endet triumphal eines der unwahrscheinlichsten und außergewöhnlichsten Konzerte überhaupt.
Danach kommen Shellac auf die Bühne, die ihr tolles Konzert ebenfalls beeindruckend inszenieren. Statt einer Lightshow lassen sie ununterbrochen und unverändert nacktes weißes Licht die Bühne beleuchten, was mit dem metallischen Look der Travis Bean-Alugitarren und den angefertigten Metallgehäusen der Verstärker, die so aussehen wie industrielle Maschinen, einen eiskalten 80er-Jahre-Cyber-Chic bringt. Der Gegensatz zwischen den humorvollen gebildeten Männern, die freundlich, witzig und gewandt mit dem Publikum sprechen und ihrer präzisen, rabiaten und boshaften Musik ist spannend. Ihr letztes Stück beenden sie, indem Bob Weston und Steve Albini zu Todd Trainer ans Schlagzeug eilen, wie symmetrisch choreografiert das Schlagzeug von allen Seiten bearbeiten und dann beginnen, es nach und nach abzubauen, bis zuletzt nur noch Todd Trainer in Bewegung auf der Bühne zurückbleibt. Die Zerlegung von Rockmusik, Rockshow und Rockband ästhetisch und ganz wörtwörtlich. Und praktisch: der Großteil des Abbaus plus die festgefahrene Notwendigkeit, eine Zugabe zu geben, wenn das Konzert und seine Dramaturgie doch eigentlich schon abgeschlossen sind, haben sich auf diese Weise ebenfalls erledigt. Bei Shellac stehen wir hinter dem Pult, an dem das Licht geregelt wird. Die Light Guys haben natürlich nichts zu tun und können entspannt Fotos von sich machen, sagen am Ende des Konzertes begeistert zueinander in einer Weise, die Veranstaltungstechniker eigen ist: 'Finally originality! Man, those guys were TIGHT.' Übrigens ist die Stunde, die das Konzert andauert, die einzige, in der der Poker Room geschlossen ist, denn dort ist Steve Albini während des gesamten Festivals rund um die Uhr Gast- und Kartengeber.
Als letztes – und im sofortigen Anschluß an Shellac - das Krachduo Lightning Bolt, die sich in einer Ecke des Stardust Ballroom aufgebaut haben statt die Bühne als Bühne zu nutzen und dort einen Trumm an Equipment hinstellen, der ein wenig an die Welt in Mad Max-Filmen erinnert. Was eigentlich auch beschreibt, wie man sich ihr Konzert vorstellen kann. Endzeit-Noisejazz, frickeliges Gedresche, sehr eindrucksvoll.
TAG 3
Der abschließende Sonntag ist so vollgeladen mit Bands, von der jede einzelne Headliner sein könnte, daß es umso schwerer ist, zusammenfassend zu erzählen, wie es war. Mercury Rev sind betäubend laut, aber majestätisch und hingebungsvoll als ginge es bei jedem Akkord ernsthaft um ihr Leben. Das neue Material ist z.T. etwas dröge und zieht sich, aber die verschachtelten kleinen Epen und die seltsame Stimme von Jonathan Donahue sind immer wieder aufregend und voller Wärme. Yo La Tengos Set ist natürlich erstklassig gespielt, aber etwas seltsam und nicht sehr homogen zusammengestellt. Ein wenig scheint es, als wolle die Band all ihre Facetten in einer Dreiviertelstunde ausbreiten, was oft übergangslos aneinandergehängt wirkt und es nie vollständig möglicht macht, sich ins Konzert fallen zu lassen. Trail Of Dead spielten befeuert, entschlossen und zielsicher und lassen ihre Songs zu wunderschönen kleinen monströsen Blumen mit Refrains zum Fäusteballen aufgehen, ebenfalls sehr überzeugend. Dinosaur Jr sind leider etwas enttäuschend. Die Masse an Verstärkern auf der Bühne hat ein Ausmaß angenommen, das über bloßes, wünschenswertes sehr laut hinausgeht und schon stupid loud ist. Der Sound ist reiner Mist, die Band spielt schlecht und Lou Barlow benimmt sich wie ein beleidigter Teenager, greift J Mascis an und redet auf eine Weise mit dem Publikum, die zwischen Anpöbeln und Witzchen pegelt: 'I am so excited to play with My Bloody Valentine. The last time Dinosaur were supposd to go on tour with them, they kicked me out of the band' ruft er und es ist unklar, ob das nun Spaß sein soll oder ob die Stimmung in der Band nach wie vor bzw. schon wieder so legendär schlecht ist. Zwischen den Stücken dudeln alle auf ihren Instrumenten vor sich hin und alles in allem ist es, als sähe man der Probe oder dem Soundcheck einer Schülerband zu. Der lautesten Schülerband der Welt. (Ich schreibe dies als jahrelanger und nach wie vor großer Fan der Band, nicht als einer, der eh noch nie etwas mit ihrem krachigen Pop anfangen konnte.)
Mogwai hingegen, die etwas früher gespielt hatten, haben eines der perfektesten Konzerte gespielt, das ich in meinem ganzen Leben gesehen habe. Und mich zum ersten mal denken lassen, daß eine Lightshow unglaublich ist. Das Gewitter aus Licht, Krach, Präzision und der größtmöglichen Schönheit von bloßem Lärm ist immer kurz vor physischem Schmerz, aber eben so hauchzart davor, daß es gerade noch im Maximalbereich ekstatischen Genusses bleibt. Brr, der bloße Gedanke an Mogwais Konzert macht mir Gänsehaut, so aufreibend war es.
Und dann eben My Bloody Valentine, die großen, mächtigen, geheimnisvollen, lange verschollenen. Diese Institution, diese Säulenheiligen der Verschwendung von Frequenzen und Studiobudgets. Wie die meisten Bands, die hier oder bei ATP-Festivals spielen, ist Noise, Feedback, die Erkundung des Klangspektrums von Rockbandinstrumenten das Herzstück dieser Band, die in dieser Hinsicht einen ähnlichen Beitrag zur Geschichte von Noise und Popmusik geleistet haben wie z.B. Velvet Underground (die ebenso wie MBV erst im Nachhinein verstanden, gehört, entdeckt und so richtig bedeutsam wurden). Natürlich läßt die Band ewig auf sich warten und spielt eine eigene Mix-CD ab, ein ganzer Saal, so vollgepackt wie bei keinem der anderen Konzerte, singt mit John Lennon 'I am the eggman – woooo' und nach jedem Lied brandet erregter Applaus auf in Erwartung des Konzertes, auf das sich viele seit 15 Jahren freuen. Natürlich kommen und kommen sie nicht, es wird gebuht, gepfiffen, dann wieder gejubelt und der Name der Band skandiert. Nach einer halben Stunde erscheinen die vier, nehmen ihre Positionen ein und spielen quasi wort- und regungslos ihre wahnwitzige, hypnotische Musik, die zur Hälfte aus dem besteht, was MBV tatsächlich spielen, zur Hälfte aus Tönen, die man nur glaubt zu hören oder die sich irgendwo aufschwingen. Nach jedem Song bekommen Kevin Shields und Bilinda Butcher neue prächtige Gitarren umgehängt. Neben mir steht Jonathan Donahue von Mercury Rev mit seiner Freundin im Arm, vorm Saal streift Patti Smith umher. Das große Finale ist ein 22-minütiges Verharren auf einem einzigen Ton, dann findet die Band kurz in den Song zurück, aus dem er kam und verschwindet von der Bühne. Das Konzert ist in einer Weise gut, die sich nicht in Worte fassen läßt, einfach auch, weil mir zuvor nicht bewußt war, daß Livemusik so sein kann und sich so anfühlen kann. Und darin wiederum gleicht dieses wunderschöne letzte Konzert dem ganzen Festival. Was für ein herrliches Ferienerlebnis!
Und wer mir tatsächlich bis hier gefolgt ist, dem möchte ich von Herzen für die Aufmerksamkeit danken.
Nachsatz: Im Januar 2009 finden die ersten drei ATP-Festivals in Australien statt. Nick Cave ist der Kurator und eines davon wird in einem Ski Resort sein, eines auf dem Gelände einer ehemaligen Besserungsanstalt für Mädchen. Das wäre ein abschließender Vorschlag für einen Wunsch zu Weihnachten.
Björn Sonnenberg, Oktober 2008
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